Von Dieter Lattmann

Schriftsteller in die Gewerkschaft: ja oder nein? Gut, daß die Frage öffentlich diskutiert wird, denn wie die Entscheidung auch fällt, sie hat gesellschaftspolitische Bedeutung. In der Auseinandersetzung um dieses Thema sind leider Emotionen die Regel, Sachlichkeit tut not. Das Denkmodell, das der Bundesvorstand des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) nach Verhandlungen mit den Gewerkschaften Mitte Mai vorgelegt hat, ist meines Wissens der erste Schritt zur Konkretisierung der Gewerkschaftsfrage, der von Autoren ausgeht. Niemand bildet sich ein, dieser Vorschlag sei schon in allen Punkten ausgereift.

Martin Gregor-Dellins Einwände haben den Vorzug, die bei nicht wenigen VS-Mitgliedern vorhandenen Befürchtungen einmal pragmatisch zusammenzustellen. (Noch besser wäre es gewesen, er hätte darauf verzichtet, dem Bundesvorstand als Motiv des Gewerkschaftsmodells weitgehend Sentiment vorzuwerfen, denn dadurch provoziert er natürlich den Gegenvorwurf, seine negative Stellungnahme sei nicht frei von Ressentiment.)

Gregor-Dellin hat auf dem Stuttgarter Schriftstellerkongreß für die Kooperation mit den Gewerkschaften gesprochen, er hat aber auch gesagt: "Wenn die Grenze unserer Möglichkeiten erreicht ist, schließe ich einen Anschluß an die Gewerkschaften nicht aus." Nun, genau das empfiehlt der Bundesvorstand, eben weil er die Grenzen des Operationsvermögens eines für sich bleibenden Schriftstellerverbands realistisch einzuschätzen glaubt, nämlich gering. Gregor-Dellins acht negativen Thesen (ZEIT Nr. 22) möchte ich mit skeptischem Optimismus zehn positive als Antwort gegenüberstellen.

1 Mit dem Anschluß als Schriftstellerfachgruppe an die IG Druck und Papier vollzieht der VS, wenn die Dreiviertelmehrheit seiner Bundesmitgliederversammlung das will, einen ersten Schritt auf dem Weg zur gewerkschaftlichen Organisation sehr vieler in den kulturellen Bereichen und publizistischen Medien kreativ und mitwirkend Tätigen. Es geht nicht um eine isolierte Entscheidung der Schreibenden aller Art, sondern um den Zusammenschluß von potentiell 100 000 Urhebern Wort, Ton und Bild einschließlich der Interpreten.

2 Die Verhandlungsposition des VS ist stark genug, um zu verhindern, daß die Schriftsteller in der Gewerkschaft untergehen. Nur wenn die Vorteile überzeugend erscheinen, wird der VS-Bundesvorstand den Gewerkschaftsanschluß definitiv empfehlen. Die Vorteile sollen sein: Kraftgewinn und berechtigte Aussicht auf berufspolitische Errungenschaften, urheberrechtlich, sozial, steuerlich. Änderung des Tarifvertragsgesetzes mit dem Ziel, den Urhebern zu tarifartigen Musterverträgen zu verhelfen.

3 Für den Durchschnitt der Mitglieder erhöht sich der Beitrag auf der Basis freiwilliger Selbsteinschätzung nur geringfügig, nämlich bei einigen Landesgruppen, die jetzt schon höhere Zahlungen beanspruchen, gar nicht, bei anderen um 25 Mark pro Jahr. Andererseits: Wer gut verdient – warum soll der nicht für die gemeinsame Sache ein wenig tiefer in die Tasche greifen? (Beispiel: englische Schriftstellergewerkschaft.)