Von Dietrich Strothmann

So "inoffiziell", wie es offiziell in Kairo hieß, war der Besuch des sowjetischen Staatsoberhauptes Podgorny bei seinem ägyptischen Amtskollegen Sadat denn doch nicht. Abgesehen von den protokollüblichen Böllerschüssen, Fahnen, Jubelmassen, Begrüßungsreden und Festessen unterzeichneten beide Staatsmänner überdies schon nach knapp dreißig Stunden einen umfangreichen und detaillierten "Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit". Das Dokument, das Podgorny in seinem Gepäck hatte, besteht aus 12 Artikeln und hat eine Laufzeit von 15 Jahren.

Podgorny in Kairo – nichts an seiner Reise war "inoffiziell", nur wenig daran war "freundschaftlich". Im Gegenteil: Nach der Visite des amerikanischen Außenministers Rogers bei Sadat und nach dem Coup des Ägypters, der seine linken Rivalen außer Gefecht setzte, war der Auftritt des Moskauer Nahost-Experten Podgorny überfällig. Er mußte Gewißheit darüber erlangen, daß Sadat zur sowjetischen Stange hält, auch in der Innenpolitik, und er mußte sich dies bestätigen lassen, mit Brief und Siegel. Er bekam beides. Denn so sehr Sadat auch nach Ellbogenraum streben mag, so sehr ist er doch weiterhin auf die Unterstützung Moskaus angewiesen.

Ist also aus Ägypten so etwas wie eine arabische Tschechoslowakei geworden? Und könnte Prag in Kairo passieren, eine Invasion der Sowjets im Nilland, falls Sadat eines Tages aus der Reihe tanzen und bei den Amerikanern sein Heil suchen sollte? Schon gibt es Schwarzmaler, die auf solche Fragen ihre düsteren Antworten parat haben, wie es auch Phantasten gab, die nach der Rogers-Reise eine Kehrtwendung Kairos diagnostizierten. Das eine ist so falsch wie das andere.

Erwiesen hat sich nach den Beratungen Podgornys mit Sadat freilich noch nicht, welcher Spielraum der ägyptischen Politik für eigene Manöver belassen worden ist. Kann Sadat, über seine Verhandlungskonzessionen an Israel hinaus, noch mehr Zugeständnisse machen? Geben ihm die Sowjets im eigenen Hause freie Hand, seine "Liberalisierungs-Politik" fortzusetzen, auch gegen den Willen der moskaufreundlichen Links-Nasseristen? Darüber lassen sich, selbst nach dem neuen Vertrag, nur Mutmaßungen anstellen.

Soviel indessen kann mit einiger Sicherheit konstatiert werden:

1. Sadat versucht Neutralitätspolitik zu treiben, nicht Schaukelpolitik. Rogers konnte ihm nicht mehr bieten als die Zusicherung, daß Washington an dem Grundsatz festhält: Keine gravierenden territorialen Veränderungen, keine Sanktionierung von Gebietseroberungen durch Kriege. Er konnte Sadat nicht versprechen, die Israelis durch Pressionen zur Akzeptierung dieser Leitlinie zu zwingen. Kairo ist somit mehr denn je auf die andere Macht angewiesen, die Druck ausüben kann, auf die Sowjetunion.