Nach Dada-Max und Schwitters-MERZ zeigt die Akademie der Künste in Westberlin jetzt – bis zum 4. Juli – eine einheimische Dadaistin, ein verspäteter Hommage zum 80. Geburtstag von Hannah Höch, der vor anderthalb Jahren gefeiert wurde.

Die Ausstellung beschränkt sich auf Collagen, knapp 200 Arbeiten aus 55 Jahren, die früheste stammt von 1916 ("Weiße Wolke"), das war ein Jahr, bevor sie Raoul Hausmann kennenlernte und sich den Berliner Dadaisten anschloß. In der Collage von 1922 "Meine Haussprüche" hat sie sich und ihren Dada-Freunden ein Denkmal geklebt: Zwischen Photos, Postkartenschnipseln und allerlei Schnurrpfeifereien sind sinnige und unsinnige Zitate montiert, von Hausmann, Huelsenbeck, Friedlaender, Baader, Arp, Schwitters. Ein Blatt, das die Aura authentischer Geschichte angenommen hat, Bruchstück einer Biographie von Dada und von Hannah, Im Kontext der Ausstellung allerdings steht die Arbeit eher isoliert, scheint wenig charakteristisch für die Eigenart der Hannah Hoch, ist eher eine Collage aus kollektivem Dada-Geist.

"Aber wie kam Hannah Hoch, die Stille aus dem Städtchen Gotha, die brave Orlik-Schülerin, zu der ganz unstillen Berliner Dada-Bewegung?" wundert sich der Mit-Dadaist Hans Richter in seinen Erinnerungen "Dada-Kunst und Antikunst": "Als Vorsteherin der Atelier-Abende bei Hausmann war sie unentbehrlich, sowohl durch den grellen Kontrast ihrer, leicht klösterlichen Grazie zu dem Schwergewichtsanspruch ihres Meisters, als auch durch die belegten Brötchen mit Bier und Kaffee, die sie trotz Geldmangel auf irgendeine Weise hervorzuzaubern verstand. An solchen Abenden durfte auch sie ihre kleine, aber sehr präzise Stimme erheben und, wenn Hausmann die Antikunst proklamierte, für die Kunst und für Hannah Hoch in die Bresche springen."

Für ihre Berliner Dada-Freunde war das frisch erfundene Verfahren der Collage die adäquate Technik, das anarchistische Programm einer Antikunst zu realisieren, Collage als Akt der Destruktion, der Sabotage. Nicht so für Hannah Höch. In ihren Collagen werden die Partikel einer vorgeformten Realität nicht polemisch arrangiert. Was die Berliner Dadaisten zu Protest und kritischem Eingriff provozierte, versetzt Hannah Hoch in Staunen. Alice im Wunderland: das Selbstverständliche scheint ihr phantastisch und das Phantastische selbstverständlich. "Verfremdung", als welche sie selbst die Technik der Collage versteht, zielt nicht darauf. Realität durchschaubar zu machen noch hintergründige literarische Beziehungen herzustellen; vielmehr komponiert Hannah in ihren Collagen das Staunen der Alice, montiert die Welt nach der nüchternen Phantastik der Kinder: Wenn die Schweinchen auf den Bäumen wachsen, wird es Frühling.

Zu selbstbewußter Naivität führt sie der verspielte Umgang mit den Materialien der Kulturgeschichte im Zyklus "Aus einem ethnographischen Museum" aus den zwanziger Jahren. Entsprechend dem zeitgenössischen Interesse an außereuropäischer Kunst hat sie die Bruchstücke einer zerstörten Kultur zu exotischen Puppenszenerien arrangiert, ohne daß die Historizität dieser Kunst Alices Kinderaugen aufgegangen wäre.

Kindliche Nüchternheit markiert auch ihre Grenze gegen romantische Spekulation, gegen Pathos und Sentimentalität, so in dem strengen, distanzierten Blatt "Die Friedenstaube", das nach dem Krieg, zwischen 1945 und 1947, entstanden ist. Sie bestätigt sich in der Trockenheit, mit der Hannah Höch physiognomische Züge ins Groteske verzerrt, etwa in den Porträts, "Russische Tänzerin" (1928), "Englische Tänzerin" (1928), "Deutsches Mädchen" (1930). Mit kindlicher Schlagfertigkeit werden Redewendungen paraphrasiert: Aus einem Schneckenhaus wachsen hochgestiefelte Beine ("Siebenmeilenstiefel" 1937).

Hannah Hoch arbeitet ihre Collagen sehr sorgfältig, differenziert sie farbig, wählt getönte Gründe oder klebt bunte Papierschnitzel ein. Gewiß sind sie als autonome "Bilder" konzipiert, Klebebilder. Zugleich aber bedeutete für sie – ähnlich wie für Max Ernst – der Umgang mit präformierten Materialien auch das Erproben neuer künstlerischer Möglichkeiten, die auch außerhalb der Collage anwendbar wären. Bereits in den zwanziger Jahren hat Hannah Hoch spezifische Erfahrungen mit der Dada-Collage in Malerei umgesetzt. Das kulminiert in den großartig verrückten Bildern von 1925 "Roma" und "Die Journalisten", in denen Pop Art und Neuer Realismus schön vorweggenommen sind.

Es wäre wichtig und aufschlußreich gewesen, den Zusammenhang zwischen der neuen Technik der Collage und der Entwicklung der Malerei vorzuführen. Die Beschränkung der Akademie-Ausstellung auf das Thema Collage zeigt zwar die Kontinuität im Schaffen Hannah Höchs, dem kunsthistorischen Rang dieser Dadaistin wird sie jedoch nur in Grenzen – den Grenzen der Collage – gerecht. Karoll Stein