Von Leona Siebenschön

Hinterher sind alle Lebewesen traurig – post coitum omne animal triste. So sagten die Frommen und meinten die Sünder. Den störrischen Trieb galt es zu geißeln. Doch dann wurde die Lüge aufgedeckt. Traurig? Ich nicht – so mag nun jeder ungestraft behaupten, der sich sinnenfroh seiner Lust erfreut.

Da wäre also der Mensch beinahe der guten alten, fein ersonnenen Zwangsmoral entronnen, als Freigelassener, frech und mündig. Doch gerade noch rechtzeitig haben ihn frische Furien, neue Zwänge wieder eingefangen: Wieder wird dem armen Adam eine Lust vergällt. Und wirklich, diesmal stimmt es: Hinterher sind wir allemal traurig.

Wenn wir es trotzdem tun, wenn wir gesündigt haben, fallen wir prompt der Reue anheim, bestrafen uns selbst und tun Buße. So fabelhaft funktioniert es schon, das neue Zuchtsystem. Das Schuldbewußtsein hat uns wieder; die schweigsam getroffene Verschwörung waltet an – wider die Lust und die Begierde.

Nicht im Bett, nein, da sind wir ja nun frei. Da haben wir ja diese schöne sexuelle Revolution entfacht. Doch kaum entflohen der Leibfeindlichkeit, kaum siegreich entkommen jener Mühsal der Verklemmten, befolgt der neuerlich Gläubige blind und schon wieder ganz gehorsam, was ihm da aufgeschwatzt und aufgezwungen wird: Daß er zu seinem Heil sein Fleisch zu kreuzigen habe samt den Bedürfnissen und der Gier; seine Triebe soll er unterdrücken, seine Lust verdrängen. Karottensaft schlürfend und lustlos Magerquark löffelnd, so ist er bereits auf dem rechten Weg, ein Puritaner zu werden, prüde zu sein; wenn prüde heißt: Man redet sich ein, nicht zu wissen, was allgemein bekannt – daß nämlich der Mensch gern frißt und völlert und fetten Lachs in Sahnemeerrettich stippen will. Post coenam omne animal triste.

Wie vormals der Trieb zur Arterhaltung, der schnöde Sex verteufelt wurde, bis wir ihn mühsam freischaufeln konnten, genauso wird jetzt der Trieb zur Selbsterhaltung angeschwärzt, zum Sündenquell erklärt für alle Gebrechen der Menschheit. Man kriegt zwar kein Kind davon. Aber man wird dick. Und das ist nicht weniger verwerflich als einst die Niederkunft mit einem Bastard.

Tapfer wie vormals Gretchen ihre Nachbarinnen, ehe sie selbst in Sünde fiel, schmähen die Freunde, wenn einer fehlt und Fettpolster hortet auf seinem Leib. Das läßt sich nicht im Fluß ertränken, keinem anderen unterschieben, nicht aussetzen vor der Kirchentür. Gezeichnet von den Folgen seiner Ausschweifungen, jedermann sichtbar, schleppt er sein Kreuz und steht am Pranger, ein Ausgestoßener, ein Sünder allzumal.