Die Fluglotsen, das Streikrecht und der Schutz der Allgemeinheit vor Erpressung

Von Rolf Zundel

Der Bummelstreik der Fluglotsen wächst sich zum öffentlichen Skandal aus. Daß die Lufthansa durch das go-slow bisher einen Verlust von 20 Millionen erlitten hat, fällt dabei noch am wenigsten ins Gewicht. Jedes Unternehmen, das bestreikt wird, muß Einbußen hinnehmen – und die Zeche bezahlt in aller Regel, direkt oder indirekt, doch die Allgemeinheit. Schlimmer ist schon, daß viele Tausende von Fluggästen diesen Streik ausbaden müssen: zu langen Wartezeiten in den Abfertigungshallen verurteilt, eingepfercht in die Maschinen, die auf den Pisten oder in der Luft festgehalten werden, gleichsam in Geiselhaft genommen.

Am schlimmsten jedoch ist das größere Problem, das hinter dem Streik sichtbar wird. Eine Gruppe von ein paar hundert Spezialisten nimmt sich hier heraus, die in unserem Gemeinwesen gültigen Regeln der Auseinandersetzung um die Verteilung des Sozialprodukts ohne Rücksicht auf Verluste zu ihren Gunsten zu verbiegen. Auf ihre Unersetzlichkeit pochend und die Vorteile ihrer Beamtenposition nutzend, machen die Fluglotsen den Staat zur Trottelinstitution.

Nichts gegen das Streikrecht. Es ist ein ehrwürdiges und ehrliches Recht, entstanden als Notrecht unterprivilegierter Massen, die ein beträchtliches persönliches Risiko eingingen, um für bessere Lebensverhältnisse und für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Der Streik war der Verzweiflungsschritt der Wehrlosen, die keine andere Waffe hatten als ihre Solidarität. Was aber die Fluglotsen einigt, ist etwas anderes: der Egoismus einer Minimalgruppe, die rücksichtslos die Vorteile ihrer besonderen Position nützt, um der Allgemeinheit ihre Forderungen zu diktieren. Es ist die Eigensucht einer Gruppe, die mit der Tarnparole "Dienst nach Vorschrift" Pflichterfüllung heuchelt und sich, durch ihren Beamtenstatus gesichert, um jedes normale Streikrisiko herumdrückt. Unbestreitbar ist dieser Dienst "nach Vorschrift" eine Form des Streiks. Er unterscheidet sich von anderen Arbeitskämpfen nur dadurch, daß hier nicht die Flagge gezeigt wird, sondern in der Grauzone mangelhafter Vorschriften operiert wird. Wie entrüstet wären wohl die Fluglotsen, wenn sie auf die gleiche Weise behandelt würden – wenn zum Beispiel ihre Gehaltszahlungen im Dienst "nach Vorschrift" um Monate verzögert würden.

Der Fall der Fluglotsen ist, auf den ersten Blick, eine Besonderheit. Hier handelt es sich um eine Gruppe, deren Berufsanforderungen, deren Verantwortung lange Zeit in der Öffentlichkeit nicht genügend gewürdigt worden sind. Ihre ersten Proteste – sie liegen schon einige Jahre zurück – waren sachlich durchaus begründet. Aber viele ihrer Wünsche sind inzwischen erfüllt worden. Tatsächlich hat die Stellung der Fluglotsen Verbesserungen in einem Umfang erfahren, wie das sonst in keiner vergleichbaren Berufssparte geschehen ist.

Der Appetit kam beim Essen