Vor dem Pfingstfest hatten sich die Börsenoptimisten durchgesetzt. Auf breiter Front kam es auf den deutschen Aktienmärkten zu überraschenden Kurssteigerungen. Ebenso wie zu Beginn dieses Jahres ließ sich dieser Aufwärtstrend mit wirtschaftlichen Fakten nicht begründen. Sie sprechen im Gegenteil für schwächere Kurse.

Wenn die Käufer, darunter namhafte deutsche Investment-Fonds, dennoch mit Millionenbeträgen an die Börse kamen, dann steht dahinter die Hoffnung auf einen Stopp der rückläufigen Gewinnbewegung. Der Tarifabschluß in der chemischen Industrie von Rheinland-Pfalz, wo man sich auf Lohnerhöhungen von 7,9 Prozent einigte, gilt als Signal. Dabei stört nicht, daß in anderen Bundesländern und anderen Branchen Tarifverhandlungen scheiterten. Niemand kann erwarten – so wird argumentiert –, daß die Gewerkschaften von heute auf morgen den Appellen der Regierung auf Vernunft in den Tarifverhandlungen folgen würden.

Außerdem sind Produktivitätsverbesserungen in den Betrieben ein deutliches Zeichen für das sich ändernde Klima am Arbeitsmarkt. Wenn die IG Metall im Herbst zu ihrer neuen Lohnrunde antritt, wird es nach Meinung der Börse schon bescheiden zugehen. Das ist einer der Gründe, warum man plötzlich seine Liebe zu Aktien der Elektro- und Maschinenbau-Industrie entdeckte.

Bedrohlich hätte für den Aktienmarkt die Lage bei den festverzinslichen Papieren werden können. Auf die Dauer ist nämlich eine gegensätzliche Kursbewegung bei Aktien und Renten undenkbar. Diese Gefahr scheint vorerst durch die Empfehlung des Zentralen Kapitalmarktausschusses gebannt worden zu sein, im Juni weder innoch ausländische Anleihen zu emittieren. Wenn auch zu erwarten ist, daß die öffentlichen Hände unter dem Diktat ihrer leeren Kassen mit Schuldscheindarlehen eine solche Empfehlung zu unterlaufen versuchen, so besteht dennoch die Hoffnung, daß der 7,5prozentige Anleihetyp gerettet werden kann.

Diese Gesichtspunkte wiegen bei der Kursbildung gegenwärtig schwerer als alle Nachteile, die der deutschen Industrie durch die Wechselkursfreigabe erwachsen könnten. Bisher ist der "Schaden" ja auch gering geblieben. "Was sind 4 bis 5 Prozent Aufwertung, wenn wir auf diese Weise wieder Lohnvernunft und mehr Produktivität haben werden", tun die Optimisten die Aufwertungsempfehlung der Gutachter ab.

Angesichts der gehobenen Börsenstimmung versprechen die kommenden Kapitalerhöhungen keine sonderlichen Schwierigkeiten zu bereiten. Bislang fanden die jungen Aktien der Deutschen Bank flott Aufnahme. K. W.