Ein Vorgang, spannend zu beobachten: Nach vier Tagen der vierten experimenta in Frankfurt ist noch nicht entschieden, ob der diesjährige Versuch, deutsche Autoren fürs Theater zu entwickeln, am Konzept der Veranstalter (Peter Iden, Karlheinz Braun) oder am deutschen Theaterbetrieb, der solche Entwicklungsprozesse eher verhindert, scheitern wird. Daß das Unternehmen deprimierend ausgehen könnte, zeichnete sich bereits vor Beginn ab, als eine Produktion nach der andern platzte, abgesagt werden mußte und die Lücken nur mühsam mit Gastspielen (Kroetz’ "Heimarbeit" aus München, Bayers "Boxer" aus Berlin) gestopft werden konnten, die sich gegenüber den Auftragsproduktionen der experimenta als weitaus avancierter zu erweisen drohen.

Was war bisher zu sehen?

Konrad Wunsches "Dramaturgische Kommandos": Ein zutiefst bürgerlicher Autor führt seine Zweifel am autonomen Theater, das er bisher schrieb, in einem Theaterstück vor. Die szenische Medienkritik, die versucht, sowohl den Vorgang des Schreibens und die Übertragung des Geschriebenen auf die Bühne, wie auch das Verhältnis von Bühne und Publikum zu reflektieren, scheitert an der Zaghaftigkeit und Verwirrtheit von Wünsches Gedankenspielen.

Wolfgang Deichseis "Frankenstein": Eine Parabel über Unterdrückung sollte das werden, ein Versuch, die Mustei der Horrorliteratur zu politisieren. Aber Deichsel ist viel zu monomanisch ins Triviale verklemmt, als daß mehr denn ein milder Spaß am Entsetzen dabei herauskommen konnte, eine theatralische Geisterbahn.

Ludwig Harigs "Wir beginnen ein Spiel":Theater als Sprachlabor, als Spielwiese der konkreten Poesie. Harig permutiert Sätze aus Stücken von Shakespeare, Schiller und Körner, weiß, gelb und schwarz kostümierte Spieler haben an ihnen zu demonstrieren, daß Theater eigentlich nicht geht, ohnmächtig bleibt gegenüber der Wirklichkeit. Theater zum Abgewöhnen vom Theater.

"Biertischgespräche", ein Abend von sechs Schweizer Autoren: Das Basler Theater hat diese Texte entwickelt, Protokolle von Geschwätz zumeist, naturalistische Reproduktion von Vorurteilen gegen Gastarbeiter und Marxisten, dumpfes Aufbegehren von Ohnmächtigen gegen ihre soziale Lage. Die unbedachte und unbedenklich ausgebeutete Biertischform denunziert die Figuren, gibt sie. dem Gelächter preis, verhindert Einsichten in die Mechanismen von Vorurteilen, Aggressionen, Hoffnungslosigkeiten.

Zwei Tendenzen zeichnen sich ab: die spielerische Zertrümmerung des Theaters mit Mitteln des Theaters einerseits, die Suche nach neuen Möglichkeiten der Darstellung von Arbeitsalltag und sozialer Wirklichkeit andererseits. Bei den einen denkt Theater über nichts anderes mehr nach als über sich selbst, bei den andern denkt es an nichts anderes mehr als einen bereits mythisierten "Arbeiter" und an die untheatralisierte Darstellung seiner Probleme.