Von Katharina Zimmer

Mit Geldmangel allein läßt sich die Misere, in der die Fürsorge für die behinderten Kinder steckt, nicht erklären. Gewiß fehlt es an finanziellen Mitteln; noch mehr aber mangelt es an einer sinnvoll geplanten Anlage dieser Mittel. Frühe und planvolle Behandlung eines einzigen behinderten Kindes kann bedeuten, daß Hunderttausende von Mark gespart werden; ein behindertes Kind, das nicht rechtzeitig behandelt, dessen Behinderung vielleicht nicht einmal rechtzeitig erkannt worden ist, ein Leben lang in einer Anstalt unterzubringen kostet bis zu einer Million Mark (womit nicht gesagt sei, daß jede frühkindliche Schädigung, die früh erkannt und behandelt wird, zwangsläufig geheilt und daß damit in jedem Fall eine lebenslängliche Betreuung vermieden wird).

Genausowenig wie den Geldmangel darf man den Mangel an Rehabilitationseinrichtungen für alle Mißstände verantwortlich machen. Vielmehr geht es darum, die richtigen Einrichtungen an den richtigen Stellen zu schaffen. Der Ruf nach irgendwelchen Sonderkindergärten oder -heimen kann auch dem gedankenlosen Wunsch entspringen, die lästigen Behinderten irgendwohin abzuschieben und somit ein schlechtes Gewissen zu beschwichtigen. Die Tatsache, daß ein behindertes Kleinkind in einer dieser Sondereinrichtungen untergebracht ist, bedeutet noch längst nicht, daß dieses Kind optimal betreut und behandelt wird.

Grundsätzlich gilt für jedes Kind, ob gesund oder geschädigt, für das geschädigte aber ganz besonders, daß der Entzug der Mutter oder einer Janderen familiären Bezugsperson eine zusätzliche Belastung für das Kind ist, die fast ausnahmslos sogar eine zusätzliche seelisch-körperliche Behinderung nach sich zieht. Selbstverständlich wird es immer unumgänglich sein, Kinder in Rehabilitationsheimen und -tagesstätten zu betreuen. Um so wichtiger ist es, nicht einfach nach der Zahl dieser Einrichtungen zu fragen, sondern nach deren Qualität, zum Beispiel nach der affektiven Zuwendung, die einem Kind dort zuteil wird. Wenn eine einzige Pflegeperson für zehn Kinder da sein muß, so kann solche Zuwendung einfach nicht dieselbe sein, als wäre für jedes einzelne Kind eine Pflegeperson da.

Im Fall des achtjährigen Mädchens (über den wir in der vorigen Ausgabe berichtet haben) wäre es zweifellos das beste gewesen, wenn das Kind in einem Diagnose- und Behandlungszentrum für mehrfachbehinderte Kinder untersucht und behandelt worden wäre. Das Beispiel dieses Kindes macht deutlich, daß es für mehrfachbehinderte Kinder (und genaugenommen sind das eigentlich alle behinderten Kinder) kaum Einrichtungen gibt, in denen der Verschiedenartigkeit der Schädigungen und der Persönlichkeit des Kindes Rechnung getragen wird. Dr. Barbara Seiler, Fachärztin für Jugendpsychiatrie bei der Gesundheitsbehörde in Hamburg, beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Problematik, mit der sie sich täglich konfrontiert sieht; denn zu ihr werden Kinder mit allen möglichen Behinderungen gebracht. Trotz ihrer überlaufenen Sprechstunden und der langen Wartelisten findet sie mehr als zwei Stunden Zeit zu einem Gespräch mit mir:

"Ich würde es für sehr gut halten", sagte sie, "so ein Rehabilitationszentrum zu haben, und zwar eins, wo man einmal anständig Diagnostik betreiben kann;’und dazu gehörte der Orthopäde, dazu gehörte der Neurologe, der Psychiater, der Ohrenarzt, der Augenarzt, der Phoniater, alles, was wirklich notwendig ist, um von einem behinderten Kind ein rundes Bild zu kriegen."

Wenn von behinderten Kindern und von Rehabilitation die Rede ist (übrigens eine irreführende Bezeichnung: Habilitation ist richtiger), hört man immer wieder die Begriffe Früherkennung und Früherfassung. Daß die frühe Erkennung und Diagnose von Schädigungen das Schlüsselproblem der gesamten Betreuung behinderter Kinder ist, bedarf kaum einer Erklärung. Es liegt auf der Hand, daß eine Schädigung desto größere Chancen hat, beseitigt oder in ihren Auswirkungen gemildert zu werden, je früher man eine Therapie anwendet, je mehr man sich die Tatsache zunutze macht, daß ein Kind in den ersten Lebensmonaten und -jahren am "bildbarsten" ist.