Radevormwald

Die Glocken der kleinen weißen Kirche läuten zum Pfingstgottesdienst, und die, die kommen, tragen Schwarz. Die Überlebenden trauern um die Toten des Zugunglücks von Radevormwald: 40 Kinder und fünf Erwachsene. Sie starben in einer einzigen Nacht. Und niemand weiß, ob die über zwei Dutzend Verletzten in den Krankenhäusern von Wuppertal, Remscheid, Wermelskirchen und Radevormwald den Kampf ums Überleben gewinnen werden.

Wie ausgestorben wirkt Radevormwald, das 22 000 Einwohner zählende Städtchen im Bergischen Land. Die Zugkatastrophe machte beinah aus jedem zweiten Haus ein Trauerhaus. Denn das Unglück traf alle, nicht nur direkt Betroffene. Es gibt ein einziges Gesprächsthema. Doch den meisten fehlen die Worte, um das Grauen der Nacht zu beschreiben, bei der die Lokomotive eines Güterzuges den ersten Wagen eines Schienenbusses unter sich begrub. Zwei Abschlußklassen der Geschwister-Scholl-Hauptschule, die von einem Tagesausflug nach Bremen zurückkehrten, fanden den Tod. Die Fahrt sollte ein Stück Erinnerung an neun gemeinsame Schuljahre werden, bevor die 14- bis 15jährigen Jungen und Mädchen Mitte Juni ins Berufsleben entlassen werden sollten, ihre Wege sich trennten.

Trauer und Tränen, Fassungslosigkeit und Ohnmacht herrschten in der Katastrophennacht am Schienenstrang beim Bahnhof Dahlerau. Die Eltern, die in Radevormwald auf ihre heimkehrenden Kinder gewartet hatten, hasteten zur Unglücksstelle, nachdem sich die Schreckensnachricht wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Doch Hilfe kam für die meisten zu spät. Ein Vater, Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, barg seine beiden Söhne – tot. Helfer und Rettungsmannschaften, die viele der 14- und 15jährigen von klein auf gekannt hatten, erkannten sie nicht wieder. Und manch einer gab den Eltern den Rat: Schauen Sie nicht hin, behalten Sie Ihr Kind so in Erinnerung wie es wegfuhr.

In einer alten Turnhalle mußten Väter und Mütter ihre Kinder identifizieren. Jeder Tote ein weißes Kreidekreuz auf einer großen schwarzen Schultafel. 45 Kreuze in einer einzigen Nacht. 45 Särge nebeneinander aufgereiht, auf jedem Sargdeckel ein Totenschein. Ein gespenstisches Bild: Särge vor eilends in eine Ecke geräumten Böcken und Barren, daneben Lebensbäume.

Ebenso gespenstisch wirkt die nächtliche Rekonstruktion des Zugunglücks 24 Stunden nach der Katastrophe. Neugierige verstopfen mit ihren Autos den Ort, Schaulustige drängen sich an den Wupperhängen, um Antwort auf die Frage zu erhalten: Wie konnte das passieren? Eine Boulevard-Zeitung formulierte reißerischer: Wer gab dem Tod freie Fahrt?

Der Wuppertaler Staatsanwalt Heinzjürgen Severin, der schon sieben Stunden nach der Katastrophe in einer ersten Bilanz der Suche nach den Ursachen erklärt hatte: "Nach unseren bisherigen Ermittlungen liegt menschliches Versagen vor. Ein Versagen der Technik ist ausgeschlossen", führt Regie bei der Rekonstruktion des schwersten Unglücks in der Geschichte der Bundesbahn. Noch einmal klettert Lokführer Kurt Pique mit dem Zugführer Gerd Lücke auf den Fahrstand der Lok. Noch einmal rollt die 63 Tonnen schwere Diesellok auf den Bahnhof Dahlerau zu, so wie am Vortag, als sie 800 Meter hinter dem Bahnhofsgebäude auf der eingleisigen Strecke den nur acht Tonnen schweren Schienenbus unter sich zerpreßte. Noch einmal demonstriert Fahrdienstleiter Gottfried Sengbart seinen Wettlauf mit dem Tod, den Versuch, die sich abzeichnende Katastrophe abzuwenden. Er steht an der Rampe auf einem mit Kreide gekennzeichneten Platz, hält die Kelle hoch, deren rotes Licht der Diesellok entgegenblinkt. Der Fahrdienstleiter demonstriert, wie er auf den Zug aufspringen wollte, als dieser weiterfuhr.