Von Günter Herburger

Wir haben ihn aufsteigen und groß werden sehen, wie er international glänzte und entschlossen sprach, was uns gut tat nach so viel Bescheidenheit und Niederlagen. Aber wir haben ihn auch dick werden sehen wie viele, doch zunächst hat es uns gefreut, denn wer viel Wichtiges zu sagen hat, darf auch an Gewicht zunehmen. So dachten wir, ein wenig sauertöpfisch vor Neid, und blieben dünn, jedenfalls dünner als er, auch international gesehen, teils aus Hunger, teils aus vorsichtiger Abstinenz.

Inzwischen ist er ehern geworden, ein Begriff, ein kalkulierbarer Faktor, eine Institution, ein bekannter Reisender in guten Absichten, ein Reformator, ein Schreibtischtäter aus Vernunft und Selbstbewußtsein für das Ganze, das, kaum aussprechbar mit halber Stimme, Westdeutschland heißt. Er wohnt jedoch in Berlin. Er ist quasi also ein Ostschweizer, ein Graubündler.

Im Grunde ist ihm nur noch feuilletonistisch beizukommen, seit er politisch wirkt als graue Eminenz, als geheimer Staatssekretär, der sich für die SPD entschieden hat, ihr aber nicht beigetreten ist. Er will teilhaben, doch nicht verantworten, wie jeder am Schreibtisch. Das ist schade. Denn wenn er sich entschieden hätte, müßten wir uns nicht mehr mit dem Schriftsteller Grass auseinandersetzen.

Wer seit Monaten sein politisches Tagebuch liest, das in Abständen in der Münchner Süddeutschen Zeitung erscheint, lernt ihn allmählich auch ohne seine Bücher kennen. Wie kein anderer pocht er auf individuelle Vorrechte als Teilhaber der schönen Künste. Gelassen zornig schreibt er seine Meinungen, immer versehen mit seinem persönlichen Standort, der, wie er glaubt, da er noch Künstler ist, die Leser interessieren könnte oder wenigstens ihn, weil er sich als Persönlichkeit schätzt. Wenn er in Belgrad konferiert, läßt er es in sein Tagebuch einfließen. Wir lesen auch, wann er sich in seinem Tessiner Haus aufhält, dessen genaue Lage, wie er schreibt, nicht genannt sein soll. Warum? Will er eine Kolonie berühmter Leute, in deren Umgebung auch andere Schriftsteller wohnen, vor Touristen schützen wie ein Kaufhauskönig? Wir lesen ebenfalls von Bemühungen auf einer Wahlkampfreise für die SPD zusammen mit seinem Kollegen Lenz in Schleswig-Holstein, und wenn er in Nürnberg eine Rede über einen Stich von Dürer hält, aus dem er Allgemeines schält, haut er uns seine Taten schon wieder auf den Tisch. Als würden andere Leute, die allerdings nicht so prestigehaltig sind wie er, nicht auch Reden halten, wahlkämpfen und sich anstrengen.

Zuerst haben wir nur gelächelt, dann die Köpfe geschüttelt, allmählich wird es uns zu bunt. Wir, das heißt Freunde wie Gegner, die wir nicht zu den Berliner Inselbewohnern gehören, glauben, daß er sich überschätzt, ja lächerlich macht, vielleicht bereits wider besseres Wissen.

Indiz gibt seine Sprache. Sie war schon immer gefährdet durch Metaphorik, Allegorien, durch schunkelnde Satzgehäuse, die Vergangenes, sein Danzig, beschworen. Darin war er außerordentlich gut, denn eine gewisse häuslerische Umständlichkeit läßt das Perfekt, das rasch entscheidet, erst wieder Zeit gewinnen fürs Zusammentragen. Die abgeschlossene Vergangenheit muß mit Vergleichen, Zeit- und Schmuckwörtern nachbauen. Wenn er jedoch den Westen beschrieb, blieb er mit seiner etwas schweren Sprache hängen. Er kam sozusagen nicht die Rolltreppen hinauf, auf die schnell sich verändernde Gegenwart gleißender Oberflächen und technischer Wendungen. Die Massen und ihre minuziös verschiedenen Einzelschicksale, die für seine Sprache nicht originell genug waren, anekdotisch nutzbar, blieben ihm fremd. Heute steht er noch immer unten an den Rolltreppen und poltert. Doch ihre Mechanik steht nicht still, schon gar nicht für seine Zwecke.