Von Otto F. Beer

Reinhard Federmann ist ein geschäftiger Autor Er ist als Herausgeber, Bearbeiter und Kommentator so emsig am Werk, daß eigene literarische Arbeiten seltener geworden sind. Da er in Österreich einmal zu den Hoffnungen der Nachkriegsliteratur zählte, bietet er Anlaß zum Nachdenken über die materielle und damit auch künstlerische Lage des schreibenden Professionals, über die Beziehungen von Marktlage und Literatur Man rechnet nach: Federmann ist inzwischen 48 geworden, das Etikett „junger Autor“ paßt nicht mehr so recht, und so wäre es wohl an der Zeit, die Erfüllung literarischer Versprechen von einst zu erwarten.

Immerhin liegt nach längerer Zeit wieder ein Roman vor, ein Buch, an dem er angeblich längere Zeit gearbeitet hat (Federmann-Leser wissen, daß dies sonst nicht seine Gewohnheit ist!) –

Reinhard Federmann: „Herr Felix Austria und seine Wohltäter“; Verlag Langen Müller, München; 256 S., 18,50 DM.

Dieser Herr Felix Austria heißt von Hause aus gar nicht so. Ehe er literarisch-kommerzieller Vorhaben wegen dieses Pseudonym von der Polizei registrieren ließ, führte er den allerdings kaum weniger hintergründigen Namen Franz Josef Ostrzyk. Geboren wurde er am 11. November 1918, dem Tag, an dem in Österreich die erste Republik ausgerufen wurde. Und weil auch seine Eltern wußten, was sie der Historie schuldeten, nannten sie ihn Franz Josef, wofür allerdings nicht zuletzt die Erwägung ausschlaggebend war, daß der Vater in dem Wiener Franz-Josef-Spital Krankenwärter und auch sonst von gesundem erotischen Appetit war.

Der Teil seiner Karriere, den wir in diesem Roman überblicken, beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg bei Russenschnaps und Amizigaretten. Franz Josefs Weg führt aus dem Wiener Schleichhändlercafé in das nicht minder geschäftsträchtige Literatencafe, in dem er allerdings vorerst ein nicht übermäßig schreibbegabter Außenseiter bleibt. Hier wird das angedeutet, was festzustellen Österreichs Literaturhistoriker zu fein sind und was aufzuklären immerhin etliche Soziologen beschäftigen könnte: wie doch die erste Welle der österreichischen Nachkriegsliteratur direkt aus dem Schwarzmarkt steil emporstieg.

So auch der Zeuge der Zeit Ostrzyk, der sich zwar als Literat den Namen Austria in den Paß eintragen läßt, im übrigen aber seine mehr dem Gangstertum zuneigenden Freunde aus lukrativeren Tagen keineswegs abschüttelt: einen schreibenden Photographen und den vom Balkan kommenden Herrn Miodrag, der jedes krumme Geschäft zu strahlendem Erfolg zu führen vermag, oder zumindest doch jedes zweite. Einem liederlichen Kleeblatt dieser Zusammensetzung bietet sich die Gründung einer Filmfirma geradezu an, denn immerhin bewegen wir uns in jenen Jahren, in denen sich Geschäftemacher vom Film noch ein wenig mehr versprachen als bloße Kunst, und sei es auch nur eine gewinnbringende Pleite. Aus der Luxüszelle des Wiener Landesgerichtes (angeblich soll es so etwas geben) schickt ein Großschieber seinen kümmerlichen Mithäftling Felix Austria auf Beutefahrt, auf daß er das Geld flüssig mache, das dereinst seiner Austria-Film-Gesellschaft als Basis dienen soll. Aus einer Welt, in der Literaturpreise ebenso häufig sind wie Kaffeehausschulden, steigt Herr Austria – mit bundesdeutscher Hilfe selbstredend – zum Boß einer Firma auf, die sich mit Filmen beschäftigt, welche nie gedreht werden, aber auch mit Aktphotos und der Vermittlung von Starlets. Daß dieser steilen Karriere ein ebenso rasanter Absturz folgt, läßt sich vorhersehen, und so finden wir ihn am Ende wieder mit leeren Taschen.

Ist dieser Bericht aus der Literaten- und Gangsterwelt ein Spectrum Austriae? Dazu fehlt ihm einiges. Der Ausschnitt ist zu schmal, der Hintergrund zu dürftig, ein zu enger Bezirk des landesüblichen Schlieferltums wird da ins Ziel gefaßt. Federmann schreibt sich kalauernd durch die Geschichte, wo es nahegelegen hätte, das Panorama reicher aufzufächern und dann wirklich die Satire auf eine leichtlebige Epoche, auf eine Welt neu zum Leben erwachter Geschäftemacher zu formulieren. Er ist eben – wir sagten es schon – ein emsiger Autor, und so wurde manches in der Eile angetippt und nicht mit der Schärfe einer wirklich treffenden und enthüllenden Karikatur zu Ende geführt. Amüsant ist sein Buch trotzdem. Und wer sich in der Wiener Literatur und den ihr zugeordneten Kaffeehäusern einigermaßen auskennt, findet darin auch etliche Bekannte in nur oberflächlich verfremdetem Zustand. Immerhin schade, daß Herr Felix Austria letzten Endes doch nicht zu einem Monument seiner selbst oder des Landes, dessen Namen er trägt, aufgewachsen ist. Er hätte das Zeug dazu besessen.