Rote Kaderschmiede" – "Brutinsel für Rote Zellen" – "Marxistische Schulungsstätte" – das sind Schlagworte, die sicherlich manchen Abiturienten bei der Wahl seiner Hochschule irritieren; Schlagworte, die aber auch dazu angetan sind, die eigenen Kriterien und Vorstellungen mit den Realitäten in Einklang zu bringen, um nicht blind hineinzustolpern in die neue Situation als Student.

Das Hauptproblem, wie es sich an den Universitäten heute zeigt, ist die zunehmende Politisierung der Hochschulen und die davon zwar nicht unbedingt abhängige, aber doch mit dieser Erscheinung verbundene Handhabung des Pluralismus, dessen konsequente Verteidigung unbedingt Voraussetzung jeder Universität sein sollte. Dazu ist folgendes zu sagen: Soweit man unter Politisierung die Einbeziehung der Hochschule in das politische Leben versteht, ihre aktive Teilnahme an gesellschaftspolitischen Prozessen, die ihr auf jeden Fall zugebilligt werden muß, ist diese Entwicklung zu begrüßen. Gerade in den letzten Jahren hat sich ja die Stellung der Universität als bahnbrechender, richtungweisender Faktor innerhalb der Gesellschaft bedeutend gefestigt.

So groß jedoch der Sprung von der Freiheit zur Zügellosigkeit ist, so groß – oder so klein – ist der Unterschied zwischen der Politisierung und der Ideologisierung. Eine ideologisch gelenkte Hochschule, die ihr Hauptziel darin sieht, die Universität in eine Schulungsstätte für die Verbreitung gewisser Weltanschauungen umzufunktionieren, und die den Studenten zwar von der Ordinarienabhängigkeit befreit, ihn aber paradoxerweise in eine neue und ebenso fruchtlose Abhängigkeit bringt, indem sie ihn als Instrument für die, Verwirklichung bestimmter, ideologisch gebundener Ziele mißbraucht, hat weder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, noch kann man ihr eine verantwortungsvolle Funktion zubilligen.

Ganz unabhängig von jeglichen Vorstellungen und Zielen, die die Hochschule als Institution vertritt, muß der Student Entscheidungen individueller Art treffen können, die, solange sie nicht den Hochschulbetrieb als solchen gefährden und die Mitstudenten nicht gegen ihren Willen behindern, durchaus auch von den Richtlinien der Universität abweichen dürften. Er allein muß entscheiden, worauf er die Hauptakzente legt: auf die möglichst konzentrierte Aufnahme von Lehrstoff oder auf Verteilung seiner Aktivität gleichermaßen auf Studium und, beispielsweise, Hochschulpolitik oder ähnliches.

Was die Entstehung der berühmt-berüchtigten und vielgehaßten Roten Zellen angeht, deren Auftauchen ja von vielen als Argument für die langsame kommunistische Unterwanderung gewertet wird, so sollte man die Entwicklung betrachten, die ihrer Existenz vorangegangen ist: Sie sind nicht zuletzt die Folge jahrelang verschleppten Reformen; sie beendeten zwar, teilweise unkontrolliert, das Patriarchat der "Halbgötter im Talar", schafften aber auch, wie zum Beispiel am Otto-Suhr-Institut in Berlin, chaotische Zustände und verhalfen damit der allgemeinen Reformbewegung unserer Universitäten zu einem denkbar schlechten Ruf. Das wirkt sich dahingehend aus, daß das drohende "rote Schreckgespenst" neue Nahrung bekommt und daß es so weit gekommen ist wie in Bremen, wo der Bremer Senat die Berufung einiger qualifizierter Hochschullehrer auf Grund ihrer marxistischen Weltanschauung in Frage stellte.

Als zukünftiger Student sollte man sich, so meine ich, die Universität nicht nach den Etiketten "Rot" oder "Schwarz" aussuchen und damit indirekt den Polarisierungserscheinungen in unserem Staate Vorschub leisten, sondern sich aus der Kenntnis der bisherigen Entwicklung heraus darum bemühen, aktiv an der Verwirklichung und Verbesserung der Hochschulreformen mitzuarbeiten, ohne allerdings dabei eine gesunde Portion Egoismus vermissen zu lassen, denn allzu romantischer Idealismus ist eine zweifelhafte Angelegenheit. Thomas Degering, 19 Jahre