Die adretten, blau-weiß gestreiften Mädchen hinter der Bär gucken ernst und feierlich. Die Musiker, die gerade Straußens "Wiener Blut" fiedeln und hammondorgeln, gucken, als wäre Heiligabend. Und die Trinkgäste, die mit dem Glas in der Hand feierlich und ernst in der riesigen neoklassizistischen Halle stehen und gehen, gucken gar nicht.

Etliche der meist älteren Leute sitzen an Tischen und nippen oder kippen gelegentlich einen Schluck. Ein besonders würdiger Herr thront erhöht – Glas bei der Hand, Schuhputzer bei Fuß.

Gleich daneben erfreut sich die Halle mit der Aufschrift "Uomini" steigender Besucherzahlen, jene Halle mit achtzig Zielthronen, von denen sogar Miniaturausgaben auf den Straßen der Stadt als Souvenirs verkauft werden.

Die Sonne brennt schon recht heiß, es ist etwa acht Uhr morgens, rush hour in der Trinkhalle der Kuranstalt "Tettuccio" in Italiens Staatsbad Montecatini Terme.

Die toskanische Stadt an der Autostrada del Sole zwischen Pisa und Florenz ist den meisten Bundesbürgern bisher nur als Austragungsort des wilden europäischen TV-Wettbewerbs "Spiel ohne Grenzen" (bei dem die einheimischen Kuriere allerdings letzte wurden) bekannt. In Zukunft aber will Montecatini nicht nur jugendliche Wassertreter und Sackhüpfer aus dem Ausland in seine Mauern locken, sondern verstärkt älteren Bundesbürgern eine Kur ohne Grenzen bieten. Die Stadt mit den jahrhundertealten Thermalquellen und zwölf Kuranstalten hat 35 000 Betten, von denen regelmäßig freilich nur die Hälfte – von den Einwohnern – belegt ist. Die anderen Ruhestätten sind zwar in den Monaten August und September, wenn die Italiener Ferien haben, ausgebucht, aber in den übrigen Monaten steht das Hotelpersonal meist untätig herum. So läuft viel der guten Tamarici- und Tettuccio-Wässer nicht durch Menschenmägen, sondern ungenutzt direkt in den Ausguß.

Um Wässer und Betten besser auszunutzen, hat die Kurverwaltung jetzt Deutschlands prominentesten Kurmakler ("Kurlaub") Scharnow als Vermittler eingeschaltet. Er soll kränkelnde oder ruhesuchende Bundesbürger, die Wasser ohne Regen genießen wollen, preisgünstig nach Montecatini bringen.