Wenn sowjetische Wissenschaftler eine Vorhersage über den Zustand des arktischen Eises treffen wollen, sind sie auf Walrosse angewiesen. Dies ist die letzte einer ganzen Serie von Entdeckungen, die viele Wissenschaftler – nicht nur in der Sowjetunion – zu Tierbeobachtungen zurückkehren läßt, wenn sie Naturphänomene besser verstehen wollen. Zudem sehen Wissenschaftler immer weniger Grund, die überlieferten Wetterfaustregeln der Einheimischen in den Bereich der Sage zu verbannen: Sie enthalten oft genug ein Körnchen Wahrheit.

Während des Erkundungsfluges eines sowjetischen Wetterflugzeugs wurde eine Walroßherde auf fester, geschlossener Eisdecke beobachtet. Die Besatzung war erstaunt. Zwar leben Walrosse normalerweise auf dem Eis. Doch verlassen sie selten die seichten Randzonen, da sie auf einen offenen Zugang zum Meer angewiesen sind. Offenbar – so schlossen die Beobachter – erwarten die gesichteten Tiere, daß das Eis schmilzt. Nach ihrer Rückkehr zur Wetterstation würde die Neugierde der Meteorologen noch gesteigert. Sie trafen dort einen alten Seemann. Dieser hörte ihre Geschichte und bemerkte: "Wenn Walrosse aufs feste Eis gehen, dann ist es nicht mehr lange fest." Nach zwei Wochen waren von der geschlossenen Eisdecke in der Tat nur noch einzelne Eisschollen übriggeblieben.

Im folgenden Jahr verstärkten die Wetterwächter ihre Walroßbeobachtungen. Als sie eines Tages eine besonders große Gruppe auf; festem Eis sichteten, wagten sie die Herausgabe einer offiziellen Vorhersage: In zehn Tagen werde das Eis verschwunden sein. Sie behielten recht. Dennoch war ihre Skepsis gegen die Walrosse noch nicht vollends gewichen. 1969 machten sie wieder eine große Herde aus. Sie lagerte unter schlechtesten Wetterbedingungen auf einer so dicken Eisschicht, daß man mit einer Eisschmelze in absehbarer Zeit nicht rechnen konnte. Aber die Walrosse wußten es besser: Die Schmelze trat alsbald ein.

Schon 1970 verließen sich die Meteorologen mehr auf die Walrosse als auf ihre eigenen Berechnungen. Und sie behielten jedesmal recht mit dieser Methode.

Bei dem Versuch, das Phänomen zu erklären, sind die Wissenschaftler vorläufig ziemlich ratlos. Sie vermuten aber, daß die Walrosse irgendeine natürliche Fähigkeit besitzen, warme Ströme unter solider Eisdecke aufzuspüren und diesen zu folgen. Der "gute Riecher" der Walrosse für Warmströme könnte damit zusammenhängen, daß sie ihre Nahrung vorwiegend aus Grenzgebieten von Kalt- und Warmwasser nehmen.

Die Walrosse helfen aber nicht nur, das Schmelzen des Arktiseises besser vorauszusagen. Mit Einbruch des Winters geben sie. auch Hinweise auf die Richtung der Eisdrift. Wenn sie aus einer Gegend aufbrechen, so ist dies ein sicheres Zeichen für herannahendes – Treibeis. Sowjetische Wissenschaftler gaben bekannt, daß sie bisher noch nicht in der Lage sind, arktische Strömungen und Wetterbedingungen drei bis vier Wochen im voraus mit jener Präzision vorauszusagen wie die Walrosse. Nun haben sie beschlossen, die Walroßbeobachtung zu einem festen Teil der meteorologischen Erkundung zu machen. Dev Murarka