Von Erwin Lausch

Vor zehn Jahren taten sich Forscher aus zwölf renommierten amerikanischen Kliniken zusammen zu – wie später ein Kritiker schrieb – "einem Projekt, wie es niemals zuvor in der Medizin unternommen wurde". Vor einem Jahr machten sie die ersten Ergebnisse des Gemeinschaftsunternehmens publik – seitdem herrscht unter den betroffenen Fachleuten Streit.

Streitereien unter Gelehrten können Jahrzehnte dauern und verdienen, solange sich keine Klärung abzeichnet, nicht unbedingt das Interesse der Öffentlichkeit. In diesem Fall ist es anders. Denn betroffen sind die Diabetes-Experten, und in dem Streit geht es nicht um Theorien, sondern um die Behandlung von Zuckerkranken – Millionen in aller Welt.

Kein Wunder daher, daß die amerikanische Zwölf-Kliniken-Studie auch auf der diesjährigen Tagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, zu der sich Mitte Mai einige hundert Diabetologen im Düsseldorfer Hilton-Hotel versammelten, eine wichtige Rolle spielte. "Würden wir die Feststellungen (der Studie)", so erläuterte Professor Karl Schöffling vom Zentrum der Inneren Medizin an der Unversität Frankfurt, "auf die Therapie bei allen Diabetikern übertragen, müßten wir ganz sicher in große Resignation als Therapeuten verfallen und am 50. Jahrestag der Insulinentdeckung feststellen, daß sich unser Behandlungsbereich seit 1921 nicht erweitert hat." Streitpunkt sind die blutzuckersenkenden Tabletten für Diabetiker.

Schöffling faßte auf dem Diabetologen-Kongreß die Ergebnisse einer Arbeitstagung zusammen, auf der sich führende deutsche Diabetes-Fachleute mit den Ergebnissen der amerikanischen Gemeinschaftsarbeit – "UGDP-Studie" genannt (UGDP steht für "University Group Diabetes Program") – auseinandergesetzt hatten, und nicht allein mit den Ergebnissen: Die Einladung angenommen hatten auch drei Forscher der UGDP-Gruppe. An der Diskussion beteiligt hatten sich zudem amerikanische Opponenten der UGDP-Mediziner sowie Experten aus England und Schweden, die ähnliche Untersuchungen vorgenommen hatten, aber zu anderen Ergebnissen gekommen waren.

Das Resümee der zweitägigen Diskussionen hatte schon vor dem Diabetologen-Kongreß im "Deutschen Ärzteblatt" gestanden: "Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft sieht auch jetzt keinen Grund, Änderungen der Behandlungsprinzipien bei Zuckerkrankheit zu empfehlen." Schöffling informierte jetzt die Kollegen über die Argumente, die zu dieser Stellungnahme geführt haben.

Ziel der ärztlichen Behandlung bei Zuckerkrankheit ist es, den entgleisten Stoffwechsel zu normalisieren: den erhöhten Blutzuckergehalt zu senken und den Urin zuckerfrei zu machen. Bei einem Viertel aller Diabetiker genügt bereits die strikte Einhaltung der Diätvorschriften, diese beiden Ziele zu erreichen. Weitere 40 Prozent der Zuckerkranken können mit Diät und blutzuckersenkenden Tabletten befriedigend "eingestellt" werden, beim Rest sind neben der Diät Insulinspritzen erforderlich. Im Laufe der Krankheit kann der Übergang von der ersten zur zweiten und von der zweiten zur dritten Gruppe notwendig werden.