Erstmals nach den Jahren kulturrevolutionärer Abriegelung und Feindseligkeiten sind jetzt in Peking die Volksmassen wieder mobilisiert worden, um eine Staatsvisite aus Europa zu bejubeln. Als europäischer Debütant erschien der rumänische Staats- und Parteichef Ceausescu. Ob dieser neuerlichen Demonstration seiner außenpolitischen Unabhängigkeit vergaß der eigenwillige Rumäne allerdings nicht die ihm im osteuropäischen Kremllager auferlegten Minimalpflichten respektvoller "Brüderlichkeit": In voller Fahrt zu den chinesischen "Verrätern an der weltkommunistischen Sache" ließ er beim Überfliegen sowjetischen Staatsgebietes "kameradschaftliche Grüße" nach unten kabeln.

Für den Ceausescu-Besuch schoben die chinesischen Gastgeber die altbekannten Kulissen vor Der ferne Freund wurde im Zeichen des "gemeinsamen Kampfes gegen Imperialismus und Großmachtshegemonie" willkommen geheißen. Das Propagandavisier richtete sich sowohl gegen Moskau als auch Washington. "Wir unterstützen das rumänische Volk in seinem Ringen um Unabhängigkeit", skandierten gedrillte Sprechchöre in Nanking; Aus der unüberschaubaren Menschenmasse dröhnte aber auch der Ruf: "Völker aller Welt vereinigt euch, um die amerikanischen Aggressoren und ihre Spürhunde zu erschlagen."

Das eigentliche Reisegepäck Ceausescus wurde freilich erst fern solcher brüllender Propagandistik, in diplomatischer Abgeschiedenheit aufgeschnürt. Rumänische Eigeninteressen allein haben die mitgebrachten Koffer nicht ausgefüllt Ceausescus wiederholte Aufrufe zur Wiederherstellung der weltkommunistischen Einheit lassen vielmehr vermuten, daß er sich, zumindest verbal, auch als Vermittler zwischen Moskau und Peking eingesetzt hat. Daß sich aber dieser durch historische Erfahrungen, geographische Reibungsflächen und ideologische Unversöhnlichkeiten so tief aufgerissene Graben zwischen dem russischen und dem chinesischen Großmachtraum nur langsam überbrücken läßt, weil der rumänische Parteichef – selbst wenn es nicht die "zehntausend Jahre" dauern wird, von denen Mao kürzlich sprach.

Die in Gang gekommene Entkrampfung zwischen den USA und China verspricht dagegen kurzfristig greifbarere Resultate – selbst wenn der eigentliche Durchbruch erst unter den Machterben des 79jährigen Mao und des 88jährigen Tschiang Zustandekommen wird. Hatte Ceausescu in Peking auch zu diesem delikaten, aber hochaktuellen Thema etwas auszupacken? Wenn Washington und Peking einen Makler wünschen, dann befindet sich Bukarest jedenfalls in der ersten Wahl.

Vom rumänischen Gastrecht machten in gespannten Zeiten schon Tschou En-lai und Präsident Nixon Gebrauch. Das ist nicht unbedeutend. Über die Bukarester Drehscheibe wurden jetzt auch die Fäden gesponnen, die zur diplomatischen Anerkennung zwischen Wien und Peking führten. Die dabei gefundene Formel enthält ein Signal an Washington und an die UN: Peking wurde als "einzig rechtmäßige Regierung Chinas" anerkannt; erstmals gegenüber einem westlichen Staat verzichteten aber Maos Unterhändler auf die ausdrückliche, auch bloß einseitige Fixierung des kommunistisch-chinesischen Souveränitätsanspruches auf Formosa (Taiwan). Eine solche "China ist China"- und "Taiwan ist Taiwan-Konzeption könnte es möglich machen, Peking in die Vereinten Nationen aufzunehmen, ohne Taiwan fallenzulassen. Es wäre dies ein Weg, um dem Universalitätsprinzip der Weltorganisation ebenso wie der amerikanischen Pakttreue zu Tschiang Kai-scheks Inselstaat genüge zu tun.

Interessanterweise haben ausgerechnet rumänische UN-Sprecher in den China-Debatten der letzten Jahre Peking aufgefordert, die bisher aufrecht erhaltene Maximalforderung eines UN-Ausschlusses Taiwans fallenzulassen. Der jetzige Zeitpunkt hat sich für Ceausescu geradezu angeboten, um dieses Traktandum in Peking noch einmal zur Sprache zu bringen. Für Mitte Juli hat Präsident Nixon nach den gegenwärtig laufenden Sondierungen bei den asiatischen Verbündeten, insbesondere Japan und Formosa, die amerikanische Stellungnahme zur chinesischen UN-Mitgliedschaft angekündigt. Dabei geben sich das Weiße Haus und das State Department auffallend flexibel. Nixon sprach von "verschiedenen Möglichkeiten", die sich als Lösung anbieten. Außenminister Rogers nannte den völkerrechtlichen Status von Formosa eine "ungelöste Frage" und ließ auf der jüngsten Lissaboner NATO-Tagung im privaten Gespräch den baldigen Abbruch der pekingfeindlichen UN-Blockade Washingtons durchblicken.

Die Amerikaner wirken reisefertig. Ceausescu hatte alles Interesse, auch die chinesischen Führer zum Aufbruch in die Vereinten Nationen zu bewegen. Denn die besten Überlebenschancen bietet dem rumänischen Nationalkommunismus eine effektiv vielpolige Weltordnung.

Andreas Kohlschütter