Von Dieter Buhl

Fern von den Schauplätzen des Grauens fällt es schwer, den Meldungen aus Bengalen zu glauben. Aber die Hiobsbotschaften der letzten Tage erlauben keinen Zweifel: Im indisch-pakistanischen Grenzgebiet bahnt sich eine Katastrophe an. Mindestens 8000 Menschen sind ihr bereits zum Opfer gefallen; Hunderttausenden im pakistanischen Ostbengalen und im indischen Unionsstaat Westbengalen droht das gleiche Schicksal. Hungersnot, eine Choleraepidemie und die vom Monsum begünstigte Ausbreitung des Typhus addieren sich zu einer bengalischen Apokalypse.

Die zivilisierte Welt hat das Ausmaß der Tragödie erst spät erkannt. Aber nicht ihre Gleichgültigkeit verhinderte frühe Hilfe. Es war vor allem die starre Haltung der pakistanischen Zentralregierung, die ein rechtzeitiges Eingreifen jener Staaten und Organisationen unmöglich machte, die hätten helfen können. Seit Beginn ihrer Strafexpedition Ende März haben die Machthaber in Islamabad nicht nur den Informationsfluß aus Ostpakistan gestoppt, sondern auch alle humanitäre Hilfe von draußen untersagt. Erst als die Flüchtlinge in Massen über die Grenze nach Indien strömten, wurde die Not unübersehbar, der Ruf nach Hilfe unüberhörbar. Da war freilich die Chance, präventive Maßnahmen zu ergreifen, Impfstoffe, Nahrungsmittel und Zelte anzuliefern, schon vertan. Fast fünf Millionen hungernden, obdachlosen Flüchtlingen auf indischem Gebiet drohen Seuche und Tod. Der Schatten der Katastrophe legt sich auch schon über die Millionenstadt Kalkutta.

Das gegenwärtige Drama ist nicht von der Natur inszeniert worden wie die Sturmflut vom vergangenen Herbst. Es ist das Werk von Menschen. Sie regieren von Islamabad aus über die weit voneinander entfernten Teile eines Staates, der in 24 Jahren nie zu einer Nation zusammengewachsen ist, und sie weigern sich, die in freier Wahl bekundeten Autonomiebestrebungen der Ostpakistaner anzuerkennen. Dem Wunsch der Bengalen begegneten sie mit Waffengewalt.

Der Terror der westpakistanischen Truppen hat Millionen Menschen über die indische Grenze getrieben; noch immer kommen jeden Tag rund hunderttausend. Sie bringen nicht nur die Erinnerung an ungeheuerliche Greuel mit, sondern auch die Cholera. Die Inder werden von der Lawine der Unglücklichen überrollt. Auch mit Unterstützung der Hilfsorganisationen aus aller Welt können sie die Situation kaum mehr meistern. In Ostpakistan selber werden den internationalen Verbänden noch immer Schwierigkeiten in den Weg gelegt. So sollen sie bei der Planung der Hilfsaktionen nur ein vages Mitspracherecht haben – das aber hieße, daß es den Truppen der Zentralregierung vorbehalten bliebe, die internationalen Spenden nach eigenem Gutdünken an ihre Opfer zu verteilen.

Unter diesen Umständen kann die mittlerweile in aller Welt bekundete Hilfsbereitschaft die Bengalis nicht vor dem Schlimmsten bewahren. Um dem Sterben Einhalt zu gebieten, bedarf es jetzt mehr als humanitärer Maßnahmen: nämlich der politischen Einsicht in Islamabad und, wenn sie sich nicht von selber einstellt, des wirtschaftlichen Nachdrucks von außen.

Die Welt verlangt gewiß nicht zuviel, wenn sie Yahya Khan jetzt auffordert, er möge seine Soldaten zügeln, dem Besatzungsterror ein Ende setzen und im übrigen Vorkehrungen treffen, die eine Rückführung der geflüchteten Millionen in ihre Heimat ermöglichen. Wenn er auf solchen Rat nicht hören will, dann müßte zu einem Mittel gegriffen werden, das ihn vielleicht doch zur Räson brächte: dem Entzug der Auslandshilfe.

Pakistan ist seit dem Bürgerkrieg ein bankrottes Land. In Kürze tagt das internationale Kreditgeberkonsortium, über das der größte Teil der ausländischen Hilfsgelder ins Land kommt. Ihm gehört auch die Bundesrepublik an, die Pakistan in den vergangenen zehn Jahren zwei Milliarden Mark an Krediten gewährte. Das Konsortium hat Pakistan jährlich 400 Millionen Mark zufließen lassen. Es sollte weitere Gelder verweigern, falls sich das Yahya-Regime der Einsicht und der Menschlichkeit verschließt, und die schon zugesagten, aber noch nicht überwiesenen Gelder der Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen zur Verfügung stellen. Ostpakistan wäre so nicht zu helfen – aber wenigstens dem Millionenheer der Flüchtlinge auf indischem Boden.