In Ostpakistan und im angrenzenden indischen Bundesstaat Westbengalen ist eine Cholera-Epidemie ausgebrochen. Bis zum Wochenanfang waren wenigstens 8000 Menschen der Krankheit zum Opfer gefallen; Flüchtlinge haben, die Seuche in die 12-Millioneri-Stadt Kalkutta, die dichtbesiedelte Stadt der Welt, eingeschleppt. Die Zahl der Erkrankten läßt sich bei den chaotischen Verhältnissen, die entlang der Grenze Ostpakistans herrschen, nicht einmal abschätzen.

Indien befürchtet eine Katastrophe. Die in Bengalen endemisch auftretende Cholera findet bei den völlig unzureichenden hygienischen Zuständen in den Lagern unter den erschöpften und körperlich geschwächten Flüchtlingen leichte Opfer. Von den 4,7 Millionen Flüchtlingen – so die amtliche indische Zahl – leben höchstens 2,7 Millionen in Unterkünften. Andere Quellen behaupten, maximal 500 000 Menschen seien in Lagern untergebracht. Der Rest haust bei strömendem Regen im Freien. Bei Fällen von Cholera fliehen sie in Panik. Hunderte von Toten sollen unbeerdigt an den Straßen verwesen.

Den indischen Behörden fehlt es an allem: Lebensmitteln, Bekleidung, Decken. Zelten und Medikamenten. In dem Bezirk Nadia, etwa 80 Kilometer nördlich von Kalkutta, wo die Cholera zuerst auftrat, übertrifft die Zahl der Flüchtlinge die der Einheimischen. Allein in Westdinajpur leben 1,2 Millionen Ostpakistani; die Provinz Tripura meldet 700 000, Assam 300 000 Flüchtlinge. Am Wochenende lief eine internationale Hilfsaktion an. Augenzeugen melden, daß die in den Cholera-Gebieten arbeitenden Ärzte an der Möglichkeit, die Seuche einzudämmen, bereits zweifeln.

Auch in Ostpakistan breitet sich die Cholera aus. Indische Truppen sperren die Grenze an Stellen, die besonders häufig von den Ostpakistani bei der Flucht überschritten wurden. Islamabad hat die Vereinten Nationen um Lebensmittel und technische Hilfe gebeten.

Das Verhältnis zwischen beiden Staaten bleibt weiterhin äußerst gespannt. Indien sieht keine andere Möglichkeit als die Repatriierung, um des Flüchtlingsproblems Herr zu werden. Die Aussichten sind allerdings schlecht: In den letzten Wochen kamen hauptsächlich ostpakistanische Hindi. Sie stellen mit rund neun Millionen Köpfen die stärkste Minderheit im 75-Millionen-Staat Ostpakistan und waren, neben Bengali sprechenden Moslems, Hauptopfer der westpakistanischen Zentralarmee. Aufgefangene und jetzt dokumentierte Funksprüche belegen, was die Armeeführung offen zugibt – daß sie nicht daran "interessiert war, möglichst viele Gefangene zu machen".

Auf der anderen Seite haben sich die Ostbengali an den Bihar-Moslems vergriffen. Es gab unbarmherzige Gemetzel zwischen den Volksgruppen. In diesem Punkt hat die Armee allerdings tatsächlich "Ruhe und Ordnung" wiederhergestellt. Der organisierte Widerstand der "Bangla-Desh"-Anhänger gegen die Armee ist zusammengebrochen.

"Radio Freies Bengalen", das sich nach Wochen wieder meldete, sendet aus Indien. Mit indischer Hilfe werden rund 30 000 Freiwillige in 30 Camps entlang der Grenze ausgebildet. Sie brechen zu begrenzten Aktionen nach Ostpakistan auf; bei ihrer Verfolgung hat die westpakistanische Armee häufiger die Grenze überschritten.

Westpakistan hat es abgelehnt, auf die indischen Forderungen nach bedingungsloser Rückkehr aller Flüchtlinge einzugehen. Indien erklärt dagegen, daß es die 30 Millionen Dollar, die der Unterhalt der Flüchtlinge für 90 Tage kostet, nicht aufbringen kann. Beide Länder haben aber ihre Militärausgaben erhöht: – Indien trotz seines 150-Millionen-Defizits um 22 Millionen Pfund und Pakistan um 88 Millionen Pfund.