Werther II war an der Elbe. Wenn die Begegnung auf dem Wasser stattfand, nämlich auf dem Schiff "Bürgermeister Mönckeberg", das die Love-Story-Party-Gäste elbabwärts bis nach Schulau und zurück trug, so war das ein durchaus angemessener und sensibler Einfall des Hoffmann und Campe Verlages. Schließlich könnte auf dem Meer der Tränen, das seit zwei Jahren hinter Erich Segal brandet, schon ein Ozeandampfer den Linienverkehr aufnehmen: zu den Inseln der Seligen, einmal hin und zurück. Jetzt weinen auch die Menschen in Deutschland, der Verleger wischt sich glücklich die Augen: 100 000 Exemplare sind verkauft, und das Geschäft hat gerade erst richtig angefangen.

Tränen der Rührung vergießen auch die Kitschiers deutscher Zunge von vorgestern, die seit Erich Segal wieder vom Schönen und Guten erzählen dürfen und ihren Weizen blühen sehen. Der amerikanische Professor für klassische und vergleichende Literaturwissenschaften, 33 Jahre alt, 110 Pfund schwer, zartgliedrig und braunäugig, macht viele Menschen glücklich, nur er selber ist nicht mehr happy. Nicht nur, daß das Showgeschäft, dem er sich willig und mit Grazie unterzieht, ihm in Hamburg nur 15 Minuten Zeit für den täglichen Langlauf ließ; durchaus glaubwürdig ist auch sein Unbehagen über jene seiner Anhänger, die ihn zu einem Genie von goetheschem Format emporjubeln. Der Erfolg seiner Love Story sei kein literarisches, sondern ein soziologisches Phänomen, meint er.

Maßstäbe hat er: Am Drehbuch zur Love Story und an dem Roman hat er zwei Monate gearbeitet; davor übersetzte er die Komödien des Plautus. Das dauerte sechs Jahre. Er lächelt und zieht – nebbich – die Schultern hoch. Sie stecken in einem knappen weißen Seemannsjäckchen mit goldenen Knöpfen, das er selber entworfen hat, Marke Darling. Vom ersten Juli an, wenn seine Europatournee zu Ende ist, will er sich "verstecken, verstecken, verstecken", auf die Wissenschaft besinnen und ein Buch über Aristophanes schreiben. Es kränkt ihn, daß er nicht mehr als Gelehrter, sondern nur noch als weltberühmter Autor der Geschichte von Oliver und Jenny gehandelt wird. Dabei hält sich hartnäckig das Gerücht, er sei auf Grund des Millionenerfolgs jetzt nicht mehr Professor in Yale.

Eine traurige und liebenswürdige kleine Geschichte, die vom Leben des Erich Segal, und nicht ohne Moral. Und vielleicht ist sie sogar wahr, dann muß am Ende befürchtet werden, daß der Autor der Love Story selber ein bißchen zu weinen anfängt, nicht als Werther, sondern als Professor. N. G.