Von Gustav Adolf Henning

Der Mensch", so meint der Harvard-Zoologe Professor Ernst Mayr, "scheint völlig unfähig zu sein, über sich selbst und seine Entwicklungsgeschichte zu sprechen, ohne in der einen oder anderen Weise emotional zu werden". Wenn es Ausnahmen gibt, dann ist eine davon der Seewiesener Verhaltensforscher Professor Wolfgang Wickler mit seinem Buch "Biologie der Zehn Gebote" (R. Piper & Co., München, 225 Seiten, 18,– Mark).

Anstoßnehmen am Titel liegt nahe, denn verbreitet ist die Einstellung: Wenn schon eine Untersuchung der Zehn Gebote, dann müßte sie fachgerecht vom Theologen, vom Juristen oder Soziologen ausgeführt werden statt "auf Umwegen" über den Tiervergleich vom Biologen. Gerade so aber, wie ohne Tiervergleich kein Orthopäde klären könnte, warum der Mensch zwei Arme und zwei Beine, zusammen vier Extremitäten, hat – was sich bei einem Tiervergleich schon nach kurzer Bedenkzeit als ein Erbe von Wirbeltierahnen erweist –, gerade so kann ein Biologe auch den Grundlagen menschlicher Verhaltensgesetze neue Aspekte abgewinnen, die ohne Tiervergleich unzugänglich wären.

Vier Extremitäten bei Mensch, Maus und Frosch, das ist Ähnlichkeit auf Grund stammesgeschichtlicher Verwandtschaft. Wissenschaftlich legitim ist aber auch der Vergleich von Leistungen, die Anpassungsähnlichkeiten sind und bei denen es auf Verwandtschaft nicht ankommt. Wer sich für das Naturgesetz interessiert, das man befolgen muß, um auf einem Punkt in der Luft stehenbleiben zu können, kann einen Kolibri mit einem Hubschrauber vergleichen. Beide leisten Gleiches und unterstehen darin demselben übergeordneten (aerodynamischen) Naturgesetz. Ist dieses Gesetz gefunden, dann läßt es sich auch auf die Schwebfliege anwenden, die gleichfalls auf einem Punkt in der Luft stehenbleiben kann, aber weder mit dem Kolibri noch mit dem Hubschrauber verwandt ist.

Ebenso verspricht nun eine Analyse von Parallelen zwischen der Ethik (Lehre von den Sitten des Menschen) und der Ethologie (Lehre von den Sitten der Tiere), daß dabei interessante und relevante übergeordnete Gesetzmäßigkeiten zu entdecken sind, die verborgen bleiben müßten, würden die Verhaltensforscher nicht mit ihren Pfunden wuchern. Solche Gesetzmäßigkeiten, bewußt geworden, könnten beim Aufstellen ethischer Normen nützlich sein.

Auch bei ethisch-ethologischen Parallelen geht es um einen Leistungsvergleich. Ein Lebewesen mag von einem Lehrer etwas mit Erfolg gelernt haben, zum Beispiel ein Sittengesetz. Es ist dann individuell programmiert. Ein anderes aber befolgt dasselbe "Sittengesetz" instinktiv, weil es stammesgeschichtlich programmiert oder erblich vorfixiert ist. Beide leisten mit verschiedenen Prinzipien Gleiches – wie Kolibri und Hubschrauber.

Warum sich Tiere so oft pseudo-vernünftig oder "richtig" verhalten, ist eine alte Frage. Die Arbeitshypothese der Verhaltensforscher, daß diese Instinkte arterhaltende Evolutionsprodukte sind – daß die zur Umweltsituation passenden Verhaltensweisen Anpassungen sind, die der Organismus erworben hat –, geht zurück auf den Hamburger Theologen und Naturforscher Hermann Samuel Reimarus, der 1760 in seinem Buch "Über die Triebe der Thiere, insbesondere über ihre Kunsttriebe" bereits das Arterhaltende an den Kunsttrieben genannten Instinkten sah, die er sich als "natürliche blinde Determination" erklärte. Aktuell geblieben, so sagt Wickler, sind die von Reimarus aufgeworfenen Probleme. Reimarus forderte schon: "Man hat also das Angeborene von dem Erlernten wohl zu unterscheiden." Aktuell blieb auch das hübsche Zitat: "Von solchen angeborenen Fertigkeiten haben wir Menschen selbst wenigere, jedoch einige, welche die Nothdurft unserer Lebensart erfordert, an uns; und unsere Unachtsamkeit ist bloß schuld daran, daß wir sie nicht bemerken."