Von Friedhelm Gröteke

Jahrelang schwelte ein Konflikt zwischen der italienischen Staatswirtschaft und der Privatwirtschaft des Landes um die Leitung des größten italienischen Chemieunternehmens, des Montedison-Kohzerns. Jetzt endlich sind die Würfel gefallen: Eugenio Cefis, Präsident des staatlichen Energiekonzerns ENI (Ente Nationale Idrocarburi), machte das Rennen. Den neuen Montedison-Boß erwartet jedoch keine leichte Aufgabe. Er soll den fünftgrößten Chemiekonzern der Welt – vor Bayer, Hoechst und BASF – aus einer Krise herausführen, die den Superkoloß "an die Grenze des Bankrotts" (so die römische Wochenzeitung L’Espresso) führte.

Der baumlange, 50jährige Spitzenmanager stammt aus dem Friaul, dem vergessenen Dreiländereck nördlich von Triest, woher nach unumstößlicher Tradition die zuverlässigsten Ammen und Kindermädchen Italiens kommen. Wird Cefis den Montedison-Konzern wieder hochpäppeln – und es dabei bewenden lassen? Oder wird er die Vertrauensstellung im Dienst an Italiens nationaler Chemie nutzen und sich aus seinem Einflußbereich das größte Chemie-Konglomerat der Welt herausdestillieren?

An Möglichkeiten dazu fehlt es nicht. Die Montedison hat über 10 Milliarden Mark Konzern-Inlandsumsatz, die ENI bringt es auf 6,6 Milliarden netto. Freilich ist das nicht alles Chemie: Tankstellen und Warenhäuser, Keksfabriken und Bohrlöcher, optische Geräte, Maschinenbau, Elektronik, Hotels, Banken gehören dazu. Auf hunderterlei Art produzieren und handeln die beiden Gruppen, die neben den privatwirtschaftlichen Konzernen Fiat und Pirelli sowie neben dem Staatskonzern IRI (Istituto per la Ricostruzione industriale) die fünf Säulen der italienischen Wirtschaft darstellen.

Fiat und Pirelli mißtrauen der Entwicklung. Bis zuletzt stemmten sich die Konzernbosse Giovanni Agnelli und Leopoldo Pirelli bei der entscheidenden Sitzung im Gobelin-Saal der Zentralnotenbank gegen Cefis als neuen Montedison-Präsidenten. Keineswegs bezweifeln sie, daß Cefis einer der ganz wenigen Industrieführer Italiens ist, die das nötige Format haben, um bei Montedison gründlich aufzuräumen. Aber sie sehen voraus, daß Cefis der Staatsindustrie zu einem weiteren Durchbruch verhilft, kontrolliert sie doch schon jetzt ein Viertel der italienischen Wirtschaft.

Aus dem Grunde waren die Gegensätze zwischen den beiden Großaktionärsgruppen – hie Privatindustrie, hie Staatswirtschaft – nicht mehr zu. überbrücken. Kaum hatte der italienische Zentralbankpräsident Guido Carli als vertraglicher Schlichter sein Urteil gesprochen, ließen Agnelli und Pirelli den Aufsichtsratskollegen Cefis deshalb ihre Mißbilligung spüren: Beide traten von ihren Ämtern bei Montedison zurück. Cefis zeigte Selbstbeherrschung. Kühl und mit undurchsichtiger Miene schritt er aus dem Saal,

Er machte auch sofort klar, daß er keineswegs seinen Einfluß bei der ENI aufgeben will: "Ich gehe nicht an die Beseitigung der Montedison-Krise, um bei der ENI eine neue Krise auszulösen." Cefis weiß genau: Unangefochten ist nur der Montedison-Präsident, der gleichzeitig bei der ENI mitreden kann. Denn diese Staatsholding besitzt nicht nur alle Grundstoffe für die Petrochemie und den stärksten Einfluß auf alle energiepolitischen Entscheidungen Roms, sondern auch 25 Prozent des Montedison-Kapitals von 4,5 Milliarden Mark.