Von Dietrich Strothmann

Augsburg, im Juni

Augsburg vor 450 Jahren: Die Trennung von Katholiken und Protestanten, den "Päpstlichen" und den "Lutherischen", wurde sanktioniert. Doch der Religionsfriede hielt nicht lange. In dem "garstigen Graben", der sich zwischen den beiden Konfessionen auftat, wüteten bald mörderische Kriege.

Augsburg in diesen Tagen: Zum erstenmal seit dem Konfessionskontrakt über die Kirchenspaltung kamen sie wieder zusammen – Katholiken und Protestanten. Für zwei Tage vereinigten sie sich im "ökumenischen Pfingsttreffen" zu einem friedlichen Wettstreit der Systeme und zur Demonstration ihres Wiedervereinigungswunsches. Doch das Pfingstwunder fand nicht statt. Konfusion macht sich breit zwischen den Konföderationsaspiranten: Wie kann Ökumene am Ort, praktizierte Gemeinsamkeit in den Gemeinden, auf Dauer durchgesetzt werden, wenn die Kirchenhierarchien sie blockieren? Der garstige Graben ist nach Augsburg 1971 ein wenig schmaler geworden. Für Konflikte und Krisen aber bietet er auch jetzt noch zu viel Platz.

Die Gründe für den fortgesetzten Konfessionshader in den oberen Kirchenrängen und für die fortschreitende Ökumeneresignation auf den unteren Plätzen gibt es viele. Die Kirchen, untereinander zerstritten, leben auch mit sich selber im Unfrieden. Daher war in Augsburg die Rede von einer "Ökumene aus Angst" gegenüber säkularen Anfechtungen und selbstverschuldeter Unsicherheit. Gesprochen wurde auch von einer "Ökumene der Abwehr", die sich gegen den Einheitsbrei der Konfessionen zur Wehr setzte und gegen das wachsende Unbehagen am Machtdenken der Amtskirche. Andere, zumal katholische Konservative, rügten, in Augsburg habe sich eine "Ökumene der Ungläubigen" versammelt, die als "dritte Konfession" Dogmen und Disziplinarvorschriften, Autoritäten und Andachtsformeln verleugnete zugunsten einer bloß emotionalen Einheitseuphorie.

Die Progressiven wiederum postulierten eine "Ökumene der Abwesenheit", da von den 22 katholischen und 20 evangelischen Bischöfen für jeweils einen Tag insgesamt nur vier an dem Treffen teilnahmen. Dieselben Kritiker werteten gleichzeitig das Augsburger Zweitagerennen als eine "Amts-Ökumene" und "Funktionärs-Ökumene" ab, weil rund 200 ausgewählte Expertendelegierte in den sechs Arbeitsgruppen die Diskussionslinien für die Debattenkreise in ihren Arbeitspapieren vorgeschrieben hatten, für die Vorlage von Gegenpapieren wenig Zeit eingeräumt worden war und die öffentliche Bekanntgabe von Resolutionen nur nach Sit-in-Drohungen zugelassen wurde. Daher auch die Negativurteile über eine "Ökumene des Ausverkaufs", eine "Ökumene der Innerlichkeit".

In den Debattierzirkeln und Diskussionsrunden, vor den Kirchen und den Hallen wurde das Pfingsttreffen mit vielen Vokabeln versehen. Am Ende blieb bei den Optimisten nur die Hoffnung, daß nach dem "Augsburger Religionsfrieden von 1971" kein Schritt mehr zurückgegangen werden könne, daß Ökumene nun erst beginne. Es war eine Erwartung, nicht mehr. Glaube allein aber versetzt noch keine Berge, nicht einmal Barrieren.