Von Karl-Heinz Janßen

Von der "Ellwein-Kommission", vom "Ellwein-Gutachten", von der "Ellweinologie" wird nächste Woche wieder viel geredet werden, wenn die "Kommission zur Neuordnung der Ausbildung und Bildung in der Bundeswehr" der Öffentlichkeit ihre Reformvorschläge präsentiert. Professor Thomas Ellwein, der Vorsitzende der Kommission, wehrt sich gegen solche Personalisierung: "Diese Kommission ist getragen vom Sachverstand ihrer zwölf zivilen und zwölf militärischen Mitglieder." Es sind Generäle, Stabs- und Truppenoffiziere, Wissenschaftler, Gewerkschaftler und Bildungsexperten darunter. Sie alle haben zu verantworten, was nun der Kritik von Presse und Parteien, von Militärs und Kultusministern ausgesetzt sein wird. Aber der Name des federführenden Vorsitzenden wird – nicht ganz zu Unrecht – mit der militärischen Bildungsreform verknüpft bleiben.

Ellwein, ein "Politologe", als Scharnhorst der Bundeswehr? Seine Kritiker, die sich vornehmlich rechts angesiedelt haben, verdächtigen ihn linksrevolutionärer Konspiration: Das von ihm geleitete "Wissenschaftliche Institut für Erziehung und Bildung in den Streitkräften" wurde zur "Roten Zelle Bundeswehr" abgestempelt, Ellwein abwechselnd als Marxist, Linksintellektueller, Pop-Art-Künstler, Anarchist diffamiert.

Aber der 43jährige, dessen braune Augen Wärme ausstrahlen, hat nichts von einem kühlen "linken Politruk" an sich. Er kommt gutbürgerlich daher, glattrasiert und gutbetucht, indessen mit der selbstbewußten Lässigkeit, die viele Arrivierte seiner Generation auszeichnet und einem Manne wohl ansteht, der eine Blitzkarriere hinter sich, in vielen Sesseln und Ämtern gesessen und mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben hat, von denen einige fünfmal oder sechsmal aufgelegt wurden.

Marxist jedenfalls ist Ellwein nie gewesen. Wenn er seinen politischen Standort beschreiben soll, verläßt ihn sein Formuliertalent: "Wer kann das heute noch?" Der Spiegel hat ihn als "sozialistisch eingefärbten Liberalen" vorgestellt. Richtiger wäre "ein in der Wolle gefärbter Liberaler", der zuweilen auch sozialistische Neigungen hat. So hat, er zum Beispiel vor Jahren schon die "faktische Teilenteignung" der Privatwälder vorgeschlagen; ungeniert spricht er vom "spätkapitalistischen System". Doch wer ihn deswegen geistiger Nachbarschaft zu den extremen Linken bezichtigen wollte, übersieht, daß er keineswegs dieses System in die Luft sprengen will: "Es ist nach meiner Auffassung nicht so menschenunwürdig, wie es von vielen seiner Gegner dargestellt wird ... (Es) muß weiterentwickelt und dabei in seinen Grundlagen geändert werden."

Das ist historisch gedacht. "Aus der Geschichtlichkeit der Verhältnisse ergeben sich unsere geschichtlichen Möglichkeiten", sagt er. Und wer sich wie dieser promovierte Jurist in der Vergangenheit auskennt, dem werden auch konservative Neigungen nicht fremd sein. Ellweins Hobby ist Verfassungsgeschichte des 18. Jahrhunderts. "Der deutsche Obrigkeitsstaat... war im allgemeinen gut verwaltet und leistungsfähig. Er war wirklich Wohlfahrtsstaat, und es ließ sich in ihm leben."

Dennoch hat die CSU schon vor zwei Monaten die Abberufung Ellweins verlangt. Wer weiß, vielleicht regten sich da noch versteckte Ressentiments aus den fünfziger Jahren, als der junge Ellwein die bayerische Landeszentrale für Heimatdienst leitete und mit seinem Buch "Klerikalismus in der deutschen Politik" dortzulande die Gemüter erregte. Aber der lutherische Pfarrerssohn aus dem fränkischen Hof kennt sich in bayerischen Verhältnissen und Eigenarten zur Genüge aus, als daß ihn barsche Reaktionen aus dem Konzept bringen könnten.