Es ist eine Geschichte, die nur in dezenter Weise dargeboten werden kann: Probieren wir’s trotzdem! Und wenn es schiefgeht? Na, und? Heutzutage ist man allerlei gewöhnt.

Vor dem Pariser Gericht stand ein Student aus Tunis, Ahmed mit Vornamen. Er war verklagt und wurde schließlich auch bestraft. Wobei die Strafe ziemlich milde ausfiel: sechs Monate Gefängnis mit Bewährung und eine Geldbuße.

Die Klägerin, die auch den Namen "Opfer" verdient, war nicht erschienen. Weibliches Schamgefühl, dieses schöne Erbe vergangener Zeiten, hatte sie abgehalten, so daß ein Rechtsanwalt sie vertrat. Ihr Vorname war Karla. Und sie war deutsch und hübsch und arbeitete als Sekretärin in der Pariser Niederlassung ihrer heimatlichen Firma. Ein .. wohlerzogenes, braves Mädchen und mit vierundzwanzig Jahren noch unschuldig, bis Ahmed sich nahte. An dieser Stelle verlangt dezente Schriftstellerei, daß drei Punkte gemacht werden; hier sind sie:...

Noch hat der Vorgang den Anschein, als ob es sich um eine Liebesgeschichte handele. Aber nein: Karla ist als Opfer zu bezeichnen. Und dies in zweifacher Hinsicht. Wäre sie nur Ahmeds Opfer, so wäre die Aufzeichnung dieses banalen Schicksals nicht der Mühe wert. Sie war ebensosehr das Opfer des Sprachunterrichts. Müssen wir den Ahmed "Tatsünder" nennen, so die Sprachlehrer "Unterlassungssünder". Karlas Erlebnis ist tatsächlich deshalb außergewöhnlich, weil sie zwar gut erzogen und moralisch gefestigt, auch in der französischen Sprache weit fortgeschritten, jedoch bei alledem nicht aufgeklärt genug war; es fehlte sozusagen das i-Tüpfelchen.

Für das, was Ahmed ihr angetan, mußte er übrigens laut Richterspruch die Summe von tausend Francs zahlen. Doch wäre es abwegig zu fragen, ob das zu viel oder zu wenig oder ein angemessener Preis war. Wir müssen die Sache anpacken.

Französische Zeitungen, die über den Fall berichteten, haben ausdrücklich vermerkt, daß Karla besser die französische Sprache beherrscht als Ahmed. "Sie sprach ein sehr reines Französisch", so konnte man lesen, "ein Französisch so rein wie sie selber." Ahmed hätte seine viel weniger sauberen Kenntnisse zum Teil aus Quellen geschöpft, die man den "volkstümlichen Sprachschatz" nennt. Wenn wir Ahmed auf diesem Wege ein wenig folgen, werden wir eine seltene Beobachtung machen.

Derb sei der Sprachschatz des französischen Volkes? Welche Verleumdung!, so rufen wir unwillkürlich aus, wenn wir an Karla und Ahmed denken. Gibt es doch für das, was er ihr antat, im volkstümlichen Sprachschatz der Deutschen Ausdrücke, die, wenn sie mittlerweile auch in die Literatur eingegangen sind, immer noch unanständig genug bleiben. Anders im Französischen, soweit es Karla und Ahmed betraf!