Vor einem Jahr brachte der Arbeitskreis für Hochschuldidaktik eine Schrift heraus über "Das Rechtsstudium auf dem Wege zur Erneuerung". Die Situation hat sich bisher noch nicht wesentlich verändert. Der Loccumer Arbeitskreis hingegen zieht einen Wechsel auf die Zukunft mit seiner Publikation

"Neue Juristenausbildung"; vom Loccumer Arbeitskreis; mit Beiträgen von Wassermann, Wiethölter u. a.; Hermann Luchterhand-Verlag, Neuwied 1970; 195 S., 11,80 DM.

Die "Neue Juristenausbildung" gibt es noch nicht. Was sich die Mitglieder des Arbeitskreises dazu vorstellen, ist jedoch mehr als eine Diskussion wert.

Der Band beginnt mit einem Aufruf von Rudolf Wassermann: "Mut zu Experimenten" – eine Aufforderung, die das Bundesjustizministerium inzwischen erhört hat: Seine Vorlage zur Änderung des deutschen Richtergesetzes sieht eine Vorschrift vor, die es dem Landesrecht gestattet, Studium und Referendardienst in einer gleichwertigen Ausbildung von mindestens fünfeinhalb Jahren zusammenzufassen. Diesem Thema der "einstufigen Ausbildung" sind drei Beiträge des Bandes gewidmet:

das Memorandum "Zur Reform der Juristenausbildung" des Loccumer Arbeitskreises vom Oktober 1969, in dem erstmals eine Integration der weitgehend praxisfremden Lehre an der Universität und der häufig wissenschaftsfeindlichen praktischen Ausbildung im Referendardienst verlangt wurde; die Ausgestaltung des darin umrissenen Modells durch Eckart Bannek und schließlich Herbert Jägers Vortrag über "Studienreform im Strafrecht". (Ähnlich gründlich reflektierte Modelle für das Zivilrecht und das öffentliche Recht sind leider noch nicht erarbeitet worden.)

Ein Schlüssel für die Ausbildungsreform ist die Didaktik der Rechtswissenschaft, wozu Eckertz und Kilian zwei Beiträge beisteuern. Sie verkürzen den Begriff Didaktik nicht auf eine Methodenkunde, wie es vielfach zu Unrecht geschieht. Für sie gehört auch die politisch brisante Frage nach dem Ziel der Juristenausbildung dazu (Subsumtionsapparat oder Sozialingenieur?), ebenso die Kontroverse um die Auswahl der Lehrinhalte (Welche Materien sollen "exemplarisch" gelehrt werden?). Welchen Arbeitsaufwand eine gründliche Lehrziel- und Lehrplanung erfordert, läßt Wiethölters und Denningers Frankfurter Reformversuch mit Studienanfängern erkennen.

Die Spannweite der Auffassungen im Loccumer Arbeitskreis zeigen zwei Beiträge: Neben Wiethölters vernichtender Kritik an der bisherigen Rechtswissenschaft ("Sie ist vorwissenschaftlich, vorindustriell und vordemokratisch") steht Ramms Beitrag "Reform und keine Revolution", den man fast beschwichtigend nennen muß. Ramm versucht den Begriff "Verfassungspositivismus" zu entwickeln. Am Ende stellt er die Reform der Juristenausbildung in den richtigen Rahmen: Sie ist "mehr als eine Ausbildungsreform, sie ist Teil der Rechtserneuerung selbst".

Eberhard Schürmann