Der folgende Brief an Ernst Bloch, den wir durch freundliche Hilfe von Frau Karola Bloch hier abdrucken können, dürfte einer der letzten gewesen sein, die Georg Lukàcs noch selber geschrieben hat. Noch glaubte er, daß er, von der Schwerhörigkeit abgesehen, gesund sei (das sind die "besseren Nachrichten"). Wenig später erlahmte die Schaffenskraft, wurde er sich auch des tödlichen Lungenkarzinoms bewußt, das am 4. Juni sein Leben beendete. Die "guten Nachrichten" des Briefanfangs beziehen sich auf eine Unterschriften-Sammlung für Angela Davis, welche die Blochs auf Bitten von Lukàcs eingeleitet hatten.

Budapest, 30/12/1970

Lieber Ernst!

Vielen Dank für Deine guten Nachrichten. Die Vorbereitungen für den Protest gehen ihren Weg und werden hoffentlich nicht wirkungslos sein. Dabei muß ich mich bei Dir ganz besonders bedanken. Du hast uns sehr geholfen.

Es freut mich, daß Du über mich bessere Nachrichten erhalten hast als ich über Dich. Bei uns beiden wirkt natürlich das Alter stark mit. Nur bin ich insofern in einer viel glücklicheren Lage als Du, denn bei mir ist nur das Gehör viel schlechter geworden. Das stört aber bei der Arbeit viel weniger als die Verminderung der Sehfähigkeit. Ich muß sagen, daß ich Deine Energie, ja ich würde fast sagen, Deinen Heroismus bewundere, daß Du unter diesen Umständen noch so energisch tätig sein kannst. Was mich betrifft, so hoffe ich, in den nächsten Monaten eine "Prolegomena zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins" fertigstellen zu können. Ob ich dann eine theoretische Fortsetzung – Entwicklung der menschlichen Gattungsmäßigkeit – zu schreiben versuchen werde oder, was meine jüngeren Freunde sehr wünschen, eine intellektuelle Autobiographie, ist noch nicht sicher. Es wäre schön, so lange arbeitsfähig zu bleiben, um alle drei Sachen fertigstellen zu können. Aus dieser Stimmung heraus wünsche ich Dir das Allerbeste für Deine kommenden Arbeiten. Ich bin sehr froh, daß Du in Karola eine so gute Stütze hast. Grüße sie vielmals und herzlichst von mir.

Mit den besten Wünschen für Leben und Arbeit,

Dein Georg