Die Politik der geplanten Unsicherheit soll die Sozialpartner zur Räson bringen. Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz

Anderthalb Jahre lang hat sich die Bundesregierung – nicht immer mit überzeugenden Argumenten – gegen den Vorwurf gewehrt, ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik verunsichere Sparer und Investoren, jetzt aber, seit der am 9. Mai begonnenen Stabilitätsroßkur, da die Ungewißheit größer ist als jemals zuvor, unternimmt sie bewußt alles, um die Unsicherheit am Leben zu erhalten.

Das Zittern ist geplant. Aber wird es auch nützen?

Eine groteske Situation: Regierung und Bundesbank, Sachverständige-und Sozialpartner treffen sich zu einer der bislang wichtigsten Gesprächsrunden der Konzertierten Aktion, um dort in Superminister Karl Schillers Stabilitätscredo einzustimmen. Sie. erfahren jedoch nicht, was sich Schiller exakt unter Stabilität, und sei sie auch nur "relativ", vorstellt. Noch liegen nur die längst überholten Orientierungsdaten vom vergangenen Jahr auf dem Tisch.

Am gleichen Abend redete der Bundeskanzler, in einer bemerkenswerten Fortentwicklung der Erhardschen Politik der Seelenmassage, den versammelten Tarifpartnern ins Gewissen. Er spricht die kollektive Vernunft an, baut aber auf die kollektive Angst vor der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung.

Die Wanderung durch den engen Korridor, die die Konjunkturpolitik nach einem Ausspruch Schillers: angetreten hat, den Abgrund der Rezession auf der einen und den der fortgesetzten Inflation,/auf der anderen Seite, ist riskant. Sie wird dadurch noch riskanter, daß die Tarifpartner, die diese Wanderung mitmachen müssen, keinen Kompaß zur Hand haben. Es ist völlig ungewiß:

  • wann die Zeit schwankender Wechselkurse beendet sein wird und welche Dollarparität die Mark danach haben wird und
  • wie die deutsche Wirtschaft das Wechselbad zwischen monetärer Überliquidität und des jetzigen abrupten Geldentzuges ertragen wird.