Theodor Eschenburg waren Festschriften immer ein Graus. Dennoch wird er nicht umhin können, dem Werk Respekt zu bezeugen, das ihm Kollegen und Schüler zum 65. Geburtstag beschert haben:

"Demokratisches System und politische Praxis in der Bundesrepublik. Für Theodor Eschenburg"; hrsg. von Gerhard Lehmbruch, Klaus von Beyme, Iring Fetscher; R. Piper & Co. Verlag, München 1971; 506 S., kt. 28,– DM, Ln. 38,– DM.

Und zwar aus zwei Gründen: Alle Beiträge sind einem einzigen Thema der Politischen Wissenschaft untergeordnet, das auch den Wissenschaftler und Publizisten Eschenburg in den letzten 20 Jahren nicht losgelassen hat: Theorie und Praxis der bundesrepublikanischen Verfassung. Zum anderen aber wird kaum ein akademischer Lehrer eine Festschrift vorzeigen können, in der so unterschiedliche, ja entgegengesetzte Positionen bezogen werden wie hier. Die Palette der Namen reicht von Wilhelm Hennis, der erbarmungslos den heute so modischen Begriff "Demokratisierung" in seine Bestandteile zerlegt, bis zu Ekkehart Krippendorff, einem der Wortführer der Berliner Studentenrevolte Ende der sechziger Jahre. Zu Recht werten die Herausgeber diese Zusammenstellung als "Reflex der Liberalität des Denkens", "mit der ein im besten Sinne konservativer Lehrer auch den Widerspruch dissentierender Schüler ertrug".

Krippendorff, der das Verhältnis von "Politikwissenschaft und Außerparlamentarischer Opposition" untersucht, spart denn auch nicht mit Kritik an seinem Lehrer. Obschon er zugibt, daß Eschenburgs "journalistisch formulierte Normenkritiken" erfreulich von der Norm politologischen Verhaltens abwichen, kreidet er ihm und seinesgleichen an-, daß sie sich "an einem inhaltlich nicht weiter untersuchten Normensystem" orientierten und sich einzig "an politische Führungsstäbe, Bürokratien, Regierungspolitiker und Parlamentarier" wandten, es also versäumten, eine "Waffe der Demokratie" zu sein, sprich: eine Waffe der aufbegehrenden, Partizipation erstrebenden gesellschaftlichen Gruppen.

Die achtzehn Beiträge in diesem Buch sind in vier Bereiche unterteilt: "Entwicklung des demokratischen Systems", "Politische Institutionen und Regierungsprozeß", "Parteien und Eliten" und "Die Bundesrepublik im internationalen System". Es sind tagespolitisch interessante Themen darunter wie die "mehrjährige Finanzplanung des Bundes" (Frieder Naschold), "Die Jugendorganisationen der politischen Parteien" (Paul Ackermann), "Die Wahlwerbung der FDP im Bundestagswahlkampf 1969" (Peter Seibt) und eine Methodenkritik der europäischen Integration: "Europa föderieren – aber wie?" (Hans-Peter Schwarz). Klaus von Beyme beschreibt, wie sich beim Machtwechsel 1969 in Bonn die "Karrieremuster der politischen Führung" verändert haben (größere Mobilität zwischen Journalismus oder Wirtschaftsmanagement oder Wissenschaft und Politik, mehr Arbeiter und Frauen).

Für das keineswegs unkritische Verhältnis der meisten Autoren zur Verfassung kann gelten, was Rudolf Schuster auf die Frage "Ein neues Grundgesetz?" antwortet: "Das Grundgesetz ist nicht antiquiert." Es könne seine wesentlichen Funktionen auch heute noch erfüllen: "die Freiheit aller zu sichern, die Gleichheit aller zu befördern und soziale Gerechtigkeit für alle zu schaffen". Nur ist es in allen seinen Dimensionen noch gar nicht erfüllt. Kn.