Nordvietnam hat sich geweigert, 13 verwundete und kranke nordvietnamesische Kriegsgefangene von Südvietnam zu übernehmen. Hanoi brach die bereits angelaufene Aktion ab, weil Saigon sein Versprechen vom April, 570 Gefangene freizulassen, nicht erfüllt habe. Dagegen erklärte Südvietnam, von 660 Befragten hätten sich nur 13 zur Rückkehr bereit erklärt. Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß Hanoi die Kriegsgefangenen mit Repressalien bedroht hat, weil es offiziell leugnet, daß reguläre Truppen in Südvietnam kämpfen.

Südvietnamesische Truppen mußten sich Mitte vergangener Woche überstürzt und unter großen Verlusten aus der kambodschanischen Plantagenstadt Snoul zurückziehen, Nordvietnamesische Streitkräfte sind anschließend an vier Punkten zu konzentrierten Angriffen angetreten: am Dreiländereck Laos, Kambodscha, Südvietnam; im zentralen Hochland Südvietnams; unmittelbar südlich der Pufferzone und nahe der kambodschanischen Hauptstadt Pnom Penh. An zwei Stellen sind Saigoner Verbände eingeschlossen.

Der südvietnamesische Präsident Thieu konnte einen wichtigen Erfolg für seine Wiederwahl am 3. Oktober verbuchen. Das Parlament verabschiedete nach stürmischen Debatten mit Zweidrittelmehrheit ein Gesetz, wonach ein Präsidentschaftskandidat die Unterstützung von wenigstens 40 Abgeordneten und Senatoren oder von 100 Mitgliedern der Provinzräte nachweisen muß. In Saigon gilt als sicher, daß Thieu mit dieser Bestimmung seine aussichtsreichsten Mitbewerber, Vizepräsident Ky und General "Big" Minh, ausschalten wollte.

Die Opposition in Saigon behauptet, daß Thieu mindestens eine halbe Million Mark an Schmier- und Bestechungsgeldern gezahlt habe. Da allgemein bekannt ist, daß Abgeordnete und Provinzräte von der Regierung unter finanziellen Druck gesetzt werden, sprechen oppositionelle Politiker bereits von einer Wahlentscheidung vor der Wahl.