Auch für die bildenden Künstler sei das Ende der Bescheidenheit gekommen, verkündete HAP – Grieshaber in der Paulskirche, wo nach schwierigen Vorverhandlungen und mehrfachen Terminverschiebungen am letzten Wochenende der erste Kongreß der Künstler, eröffnet wurde. Grieshaber zitierte das Wort, das Heinrich Böll vor zwei Jahren auf. dem Kölner Schriftstellerkongreß seinen Kollegen zugerufen hatte in seiner denkwürdigen Rede, mit der er den Prozeß der Reaktivierung der Schriftstellerverbände eingeleitet hatte, wobei mehr und Wichigeres verhandelt wurde als die zweckmäßige Organisationsform. Endlich sind auch die Künstler soweit, sich den Schriftstellern auf dem Weg sozialer Emanzipation anzuschließen.

Solidarität sollte der Künstlerkongreß demonstrieren. Solidarität aller bildenden Künstler forderte Grieshaber in seiner Rede, die er schon lange vorher, im April, in der Form eines offenem Briefes an den Bundespräsidenten publiziert hatte. "Erklärt euch solidarisch mit dem Schriftstellerverband! Hinein in die Gewerkschaft!" Das war das Stichwort, zwei Tage lang haben die Künstler darüber diskutiert und sich schließlich; mit Dreiviertelmehrheit für den wie immer zu bewerkstelligenden Eintritt in den Deutschen Gewerkschafsbund entschieden.

Und es war natürlich eindrucksvoll und auch paradox, daß gerade Grieshaber, der Erzindividualist und notorische Einzelgänger, der aus seinem Mißtrauen gegen Berufsverbände und Organisationen jeder Art nie ein Hehl gemacht hat, der als Vertreter der nichtorganisierten Künstler von der Achalm in die Paulskirche herabgestiegen war, für den Anschluß an die Gewerkschaft plädierte.

Was haben Künstler in der Gewerkschaft zu suchen, was haben sie vom DGB zu erhoffen? Schon bei der Vorbereitung des Künstlerkongresses haben diese Fragen eine entscheidende Rolle gespielt. Sie werden die Künstler noch lange beschäftigen. Im Juli wird sich das erweiterte Kongreßpräsidium damit befassen. Im September ist eine Sitzung vorgesehen, auf der die zwölf regionalen Berufsverbände bildender Künstler endgültig fusionieren wollen und damit analog zum VS (Verband deutscher Schriftsteller) ein Gremium schaffen, das mit dem DGB verhandeln kann.

Die Verhandlungen sollen mit den Schriftstellern koordiniert werden und zu einer gemeinsamen Lösung führen. Dabei kommen drei Möglichkeiten in Betracht:

1. der Beitritt in die Gewerkschaft Kunst, der bereits der Musikerverband, die Bühnengenossenschaft und andere Künstlerorganisationen angehören. Diese Lösung bietet den Vorteil, daß bei der Gewerkschaft Kunst ein korporativer Beitritt möglich ist, was die Sache, eben weil es sich um "Einzelgänger" handelt, organisatorisch außerordentlich vereinfacht. Der Nachteil: die Gewerkschaft Kunst ist eine Minigewerkschaft, man bleibt unter sich.

2. Der Eintritt in die Gewerkschaft Druck und Papier, die Lösung, die von Dieter Lattmann für den VS favorisiert wird. Die IG Druck und Papier kennt allerdings nur eine personelle Mitgliedschaft, die Beiträge werden von der Gewerkschaft festgesetzt und kassiert, das organisatorische Eigenleben der Schriftsteller- und Künstlerverbände muß sich gewisse Einschränkungen gefallen lassen. Dafür garantiert die Größe der IG Druck und Papier "Kraftgewinn und berechtigte Aussicht auf berufspolitische Errungenschaften" (Dieter Lattmann).