Von Siegfried Keil

Die Bibel mißt den Unzuchtsünden besonders schweres Gewicht bei, weil eine verdorbene Phantasie und eine pervertierende Triebenthemmung den Menschen zur Hingabe an Gott und den Mitmenschen unfähig macht. Wir sind darüber hinaus davon überzeugt, daß die gesellschaftliche Ordnung eines Volkes nur so lange gesund und lebensfähig bleiben kann, wie sie den unwandelbaren Geboten Gottes entspricht."

Diese Sätze enthält ein Schreiben der "Konferenz der bekennenden Gemeinschaften in Deutschland" vom 13. Januar 1971 an den Bundespräsidenten, die Bundesregierung, den Bundesrat und den Bundestag, in dem die Politiker dazu aufgefordert werden, "sich der geplanten ‚Teilfreigabe‘ der Pornographie zu widersetzen".

Diese Aktion von der äußersten Rechten der evangelischen Christenheit in Westdeutschland unterstützt zwei verbreitete Vorurteile:

1. Die Kirchen sehen nach wie vor in einer übermächtig gewordenen Sexualität die Hauptursache für den Abfall des Menschen von Gott und den Unfrieden der Menschen untereinander. Die notwendige Einsicht fehlt, daß echte Hingabe nur aus einer akzeptierten und befreiten Sexualität heraus erwachsen kann und gerade die Unterdrückung der Sexualität jede "ganzheitliche" Hingabe unmöglich macht.

2. Die Kirchen stehen immer noch auf der Seite jener kulturkritischen Unheilspropheten, die im Stile Oswald Spenglers davor warnen, "daß noch keine Hochkultur die Öffnung für eine an die niedrigsten und pervertierten Instinkte gerichtete Reizüberflutung hat überstehen können". Sie haben also offensichtlich bis heute nicht gelernt, die Hoffnung begründende und Zukunft öffnende Botschaft des Evangeliums von der frei machenden Gnade Gottes zu verkündigen, sondern halten an der Rolle einer vergangenheitsorientierten Ordnurigsmacht fest, der jeder Pluralismus innerhalb des Staates ein Greuel sein muß.

Schwierig wird es, diese beiden Thesen als "Vorurteile" einzustufen und bei dem Brief von einer Aktion der "äußersten Rechten" zu sprechen, wenn man die Stellungnahme der "bekennenden Gemeinschaften" mit dem Inhalt der katholisch-evangelischen Äußerung über "Das Gesetz des Staates und die sittliche Ordnung" vom 10. Dezember 1970 vergleicht. Diese Vor-Denkschrift wurde von jeweils drei evangelischen und katholischen Autoren verfaßt und durch die Unterschriften von Landesbischof Dietzfelbinger und Kardinal Döpfner kirchenamtlich autorisiert.