Seit Mitte vergangener Woche hat die Deutsche Bundesbank die Zügel der Währungspolitik wieder fester in die Hand genommen. Die obersten Währungshüter wollten offensichtlich nicht länger mitansehen, wie die Geschäftsbanken in Geld schwimmen. Die Liquiditätszuflüsse der letzten Wochen und Monate hatten Rekordhöhen erreicht: Im ersten Drittel des Jahres 1971 betrugen sie fast 12 Milliarden Mark.

Diese Geldschwemme ist sechsmal so groß wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Seit Anfang 1970 – so Bundesbankpräsident Karl Klasen – sind sogar Devisen im Wert von 44 Milliarden Mark in die Bundesrepublik geströmt.

Erste Maßnahme der Bundesbank: Sie versuchte erstmals seit der Freigabe der Wechselkurse, Dollar zu verkaufen und damit den Kurs der Mark in die Richtung einer Aufwertung zu lenken. Damit sollte der zunächst ausgebliebene Dollarabfluß gefördert werden. Wenn auch noch viele Spekulanten einen höheren Aufwertungssatz abwarten, so hat der Dollar doch einen neuen Tiefstand erreicht.

Die Rückkehr zur alten Parität wurde damit gleichzeitig unwahrscheinlicher. Neue Spekulation am Devisenmarkt: Die Rückkehr zu fixen Kursen wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ein Aufwertungssatz von etwa fünf Prozent gilt als wahrscheinlich

Eine zweite Liquiditätsbremse zog die Bundesbank mit der Erhöhung der Mindestreservesätze. Für inländische Einlagen wurden die Sätze um 15 Prozent heraufgesetzt, für Auslandsverbindlichkeiten auf den doppelten Betrag der neuen Inlandssätze. Diese Maßnahme soll den Banken Liquidität in Höhe von fünf Milliarden Mark entziehen und auf den Konten der Bundesbank stillegen.

Doch damit nicht genug. Weitere zwei Milliarden Mark will man dem Geldkreislauf durch die Erschwerung der Refinanzierung entziehen. Ab Oktober können die Banken keine Drittländerwechsel mehr in Geld umtauschen, womit eine wesentliche Liquiditätsquelle versiegt.

Schließlich kam auch das etwas vernachlässigte Instrument der Offenmarktpolitik zu neuen Ehren. Die Bundesbank kann nämlich kurzfristige Wertpapiere so attraktiv gestalten, daß sich ihr Kauf für die Banken lohnt. Damit werden ebenfalls flüssige Mittel eingefroren. Um die Wirkung zu erhöhen, erschloß sich die Bundesbank nun neue Abnehmer: die Träger der Sozialversicherung und erstmals auch Privatpersonen. Erster Erfolg der Stabilitätsaktion: Am Geldmarkt war bereits von einer Verknappung der flüssigen Mittel die Rede. Allein die Sozialversicherung soll inzwischen mehr als eine Milliarde Mark in Geldmarktpapieren bei der Bundesbank angelegt haben.

Auch die öffentliche Hand zeigte unterdessen ihren guten Willen, für Stabilität zu sorgen. Bund und Länder haben sich entschlossen, ihre Kreditaufnahmen für 1971 um 1,8 Milliarden Mark zu kürzen. Damit wurde nicht nur auf eine beträchtliche Verschuldung und auf entsprechende Ausgaben verzichtet. Mit der Schonung des Kapitalmarktes soll auch ein Ansteigen der Zinsen vermieden werden. Denn hohe Zinsen bedeuten neue Kapitalzuflüsse aus dem Ausland – und das inflationäre Liquiditätskarussell könnte sich von neuem drehen. smi