Freimut Duve: "Der Rassenkrieg findet nicht statt. Entwicklungspolitik zwischen Angst und Armut"; Econ-Verlag, Düsseldorf 1971; 224 Seiten, 8,– DM.

Der Gegensatz zwischen Nord und Süd, der zuweilen schon den traditionellen Konflikt zwischen Ost und West zu überlagern droht, ist kein Gegensatz zwischen Ideologien oder Rassen, sondern zwischen Klassen. Trotz Apartheid in Südafrika und "Schwarzer Panther" in Amerika geht es nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Farbigen und Weißen, sondern zwischen Armen und Reichen. Daher gefährdet nicht ein Rassenkrieg, sondern ein Klassenkampf den Frieden der Welt. Das ist die These, von der Freimut Duve in seinem Buch ausgeht.

Diese These ist nicht neu. Aber neu sind die Folgerungen des Autors: Da der Gegensatz zwischen arm und reich weniger zwischen verschiedenen Staaten als vielmehr innerhalb einzelner Staaten existiert, also nicht so sehr zwischen England und Äthiopien oder zwischen Frankreich und Ägypten, sondern innerhalb von Indien und Pakistan und innerhalb der Vereinigten Staaten, können Friede, Entspannung und Fortschritt nicht durch außenpolitische Aktionen bewahrt oder erreicht werden, sondern nur durch die Innenpolitik. Sicherung staatlicher Grenzen ist für Duve heute keine Aufgabe mehr, sondern eine Voraussetzung, um das Problem anzupacken, von dessen Lösung nach seiner Ansicht allein die zukünftige Entwicklung der Welt abhängt: die Verbesserung der Sozialstruktur.

Duve postuliert ein Ende des Primats der Außenpolitik: "So wird ... künftig Innenpolitik an erster Stelle aller staatlichen Politik stehen." Allerdings Innenpolitik auf internationaler Ebene. Entwicklungspolitik soll nicht länger national oder militärisch motiviert, sondern von dem Bemühen bestimmt sein, die Sozialstrukturen in der Dritten Welt genauso zu verbessern wie im eigenen Land. Entwicklungspolitik erheische den Vorrang vor der traditionellen Außenpolitik, die nur noch die Probleme von gestern, nicht aber die von heute, geschweige denn die von morgen zu lösen habe. So Duves Thesen, vorgetragen mit leidenschaftlichem Engagement und gelegentlich mit sehr heißer Feder.

Entwicklungspolitik als Begriff ist der Masse der Bundesbürger bisher unbekannt. Sie kennt nur Entwicklungshilfe. Und diese gilt, wie Umfragen ergeben haben, noch immer als eine Art Wohltätigkeit, die häufig nur deshalb toleriert wird, weil viele Angst vor den Farbigen haben und hoffen, sie auf diese Weise zu beschwichtigen.

Duves Buch, das allerdings erhebliche Tatsachenkenntnisse voraussetzt, will Angst durch Verständnis ersetzen. Der Verfasser möchte dem Leser plausibel machen, daß die Bewohner der Dritten Welt im Grunde die gleichen Probleme haben wie arme Bürger in Amerika oder in unserem Land. Aus diesem Grunde hat er kein Sachbuch, sondern ein Pamphlet geschrieben. Daß er dabei auf ein Sachregister verzichtet hat, ist bedauerlich. Auch mehr als die eine sehr pauschale Tabelle hätte dem Leser das Verständnis erleichtert.

Trotz dieser Schönheitsfehler ist dem Buch Erfolg zu wünschen. Denn eine Entwicklungspolitik, die den Nord-Süd-Gegensatz wirksam entschärft, kann sich im wirtschaftlich reichsten Lande Europas nur durchsetzen, wenn seine Bürger sie begreifen lernen. Peter Grubbe