Nach fünf Wochen Beweisaufnahme im Mordprozeß Hanzlicek/Gebes vor dem Frankfurter Schwurgericht zog einer der Sachverständigen, der Marburger Psychiater Professor Eicke, Bilanz: "Ich bin an den Grenzen meines Wissens angekommen. Mein Gutachten befriedigt mich selbst nicht."

Er steht mit seinem Bekenntnis nicht allein. Es gibt in diesem erregend rätselhaften Fall wohl keinen Prozeßbeteiligten, der nicht am Ende seiner Weisheit angelangt wäre. Aber nach fünf Wochen, nachdem man bis zur Erschöpfung alle vorliegenden Beweismittel hin und her gewendet hat, muß man, so oder so, ein Ende finden.

Es handelt sich, wie die Frankfurter Rundschau zum Prozeßauftakt ihre Leser informierte, um "einen der sensationellsten Fälle der Frankfurter Kriminalgeschichte". In der Tat, sensationeller geht es kaum noch: Eine attraktive junge Frau mit dem Traumberuf Stewardeß, im neunten Monat schwanger, wird in der Nacht zum 11. Juni 1968 in einer Tiefgarage in der Frankfurter Nordweststadt mit fünf Pistolenschüssen niedergestreckt. Der Schütze Achmed Gebes ist ein Gastarbeiter aus der Türkei; er steht in keinerlei Beziehung zu dem Opfer. Rätsel über Rätsel. Dann stellt sich heraus: Gebes ist "gedungener Mörder" – gedungen von dem Ehemann der Stewardeß, dem Bauleiter Konrad Hanzlicek. Eifersucht war das Motiv für den Mordauftrag. Neue Rätsel.

Das Schwurgericht hat die Ungereimtheiten nicht zu lösen vermocht. Und die Frage ist, ob der Fall Hanzlicek/Gebes im Strafprozeß herkömmlicher Machart überhaupt geklärt werden kann. Was nach fünf Wochen Beweisaufnahme feststeht, ist allein der dürre Sachverhalt: Hanzlicek hat den Auftrag erteilt, und Gebes hat geschossen. Doch. selbst hier stockt man schon. Hanzlicek behauptet nämlich, den Mordauftrag widerrufen zu haben. Gebes habe das offenbar ganz einfach nicht kapiert. Der Türke weiß von dem angeblichen Widerruf nichts. Na eben, meint Hanzlicek, Gebes hat’s tatsächlich nicht begriffen. Hanzliceks Erinnerungen gehen noch weiter: Bei Gesprächen mit Gebes in der dunklen Tiefgarage, wo der Mordplan ausgeheckt wurde, glitt die Initiative unversehens auf vage gespenstische Weise von ihm zu dem Türken hinüber.

Doch es wirkt schon beinahe wie eine ironische Pointe, daß in diesem Falle das Netz der Vorurteile, in dem Angeklagte sich vor Gericht sonst hilflos verfangen, sich schützend um den Angeklagten Gebes legt. Gebes hat zwar geschossen, aber trotzdem scheint er für manchen Prozeßbeobachter inzwischen das zweite Opfer des eiskalten Mordplaners Hanzlicek zu sein – ein beinahe herziger, tumber Tor aus der Türkei, der sozusagen auf Befehl geschossen hat. Und dafür hat man hierzulande viel Verständnis.

Mehr Verständnis für Angeklagte wäre grundsätzlich zu wünschen. Die Aura mitleidigen Verstehens für den Angeklagten Gebes verfälscht jedoch das Bild und täuscht darüber hinweg, daß man über die Beziehung zwischen Hanzlicek und Gebes so gut wie gar nichts weiß. Das sentimentale Verständnis für Gebes dient offensichtlich nur als Folie, vor der sich der Schatten des eigentlichen Bösewichts, des kaltblütigen Mordplaners Hanzlicek, um so schärfer abheben soll.

Gebes war laut psychiatrischem Gutachten zur Tatzeit vermindert zurechnungsfähig; Hanzlicek dagegen soll als strafrechtlich voll verantwortlicher Täter verurteilt werden. Er soll ohne strafrechtlich relevanter Beeinträchtigung seiner Bewußtseinsleistungen den Mordanschlag geplant haben.