"Flashman – Karrieren eines Kavaliers", von G. MacDonald Fraser. Der Autor, unser Zeitgenosse, hat sich als Offizier der jungen Königin Victoria verkleidet. Fraser gibt vor, allerdings nicht allzu nachdrücklich, nur hinterlassene Papiere für den Abdruck herzurichten: die Erinnerungen des Kriegshelden Harry Flashman, der, ein hochgeehrter Greis um 1900, schriftlich eingestanden habe, immer hinterhältig, bösartig und feige gewesen zu sein. Nach berühmten Mustern werden Flashmans Glanztaten durchschaubar, jeder Prachthieb, jeder Todesritt und jeder Meisterschuß: als Betrugsmanöver oder Panikfolgen. Übrigens kommt Flashman schon bei Thomas Hughes vor, der Kameradenschinder Flashman im berühmten Roman "Tom Brown’s Schooldays". Das Kostüm, das G. MacDonald Fraser angelegt hat, soll nicht mehr als ein Kostüm sein und sitzt trotzdem tadellos. Als gehobener Brite peitscht und prügelt Flashman gern auf Domestiken und Mätressen ein – "zu ihrem Besten und meinem Vergnügen Viele Vorrechte sind noch ganz heil. "Nächstens", so empört sich und so spaßt ein alter Haudegen in Indien, "werden sie die Studenten wegen Notzucht relegieren." Viele Tricks, die der schlaue Streber verrät, gelten noch immer: "Es gibt eine Speichelleckerei, die nichts mit Scharwenzeln zu tun hat: Man stellt sich dreist und herzlich und weiß ganz genau, wie weit man gehen darf." (Aus dem Englischen von Paul Baudisch; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 358 S., 22,– DM)

Christa Rotzoll

"Über Wort und Sprache in der Psychoanalyse", von Gemma Jappe. Psychoanalyse ist eine medizinische Technik zur Heilung psychischer Krankheiten. Im Dialog zwischen Analytiker und Patient werden die frühkindlichen Einstellungen, die den neurotischen Symptomen zugrunde liegen, neu belebt und ins Bewußtsein gehoben, sie werden vom Kranken mit Hilfe des Analytikers "verbalisiert". So verwandelt sich das mächtig schweigende Symptom in den sprechenden Patienten. Das Medium Sprache hat als Remedium zentrale Bedeutung. Eigenartig genug, daß die Psychoanalyse erst mit Gemma Jappes Untersuchung beginnt, systematisch die Sprache zu untersuchen. Man wird von einer solchen Pionierarbeit billigerweise nicht mehr verlangen als Aspekte, Anregungen und eine erste Sichtung dessen, was notwendig, was möglich ist. Die Autorin zeichnet interpretierend nach, was in Freuds Arbeiten an impliziter Sprachtheorie enthalten ist. In dem zentralen Kapitel über die Beziehung von Sprache und Bewußtsein kritisiert sie Freuds Konzeption, in der das Bewußtsein als die Summe von Wort- und Sachvorstellungen definiert wird, im Gegensatz zum Unbewußten, wo die Sachvorstellung ohne sprachliche Deckung bleibe. Diese isolierende Gegenüberstellung von Objekt und Sprache, so lautet der wesentliche Einwand Gemma Jappes, wisse weder etwas von der unzweifelhaften Dialektik zwischen Sprache und Wirklichkeit noch auch von der gegenseitigen Determinierung von Ich und Sprache. Die an der Sprachpsychologie und der Soziolinguistik gewonnenen Einsichten fordern die Psychoanalyse aus der fachwissenschaftlichen Isolierung heraus. Als interdisziplinäre Gemeinschaftsarbeit stellt sich die Aufgabe, die sprachbildenden Kräfte des Unbewußten zu untersuchen und ihre Qualität mit denen des Bewußtseins zu vergleichen. Für einen solchen Versuch wünschte man sich allerdings einen stilistisch gewandteren, weniger auf den esoterischen Parteijargon angewiesenen Autor, der die Lektüre nicht wie Gemma Jappe zu einem gedanklichen Spießrutenlaufen macht. (S. Fischer Verlag, Frankfurt; 168 S., 15,– DM)

Christian Schultz-Gerstein