Von Joachim Nawrocki

Was machen dreizehn Ökonomen, wenn sie eine Kuh melken? Erst einmal machen sie ein Modell, dann hält einer die Kuh am Euter, und die anderen heben die Kuh auf und ab. So veranschaulichte Otto Stark, Direktor des Ost-Berliner Kabaretts "Distel", vor der Delegiertenkonferenz des SED-Bezirks Berlin, wie die Genossen Kabarettisten "die kritischen Stimmen zu bestimmten Hemmnissen, Mißständen und so weiter aufgreifen wollen, dabei aber nicht miesmachen dürfen".

Miesmacher in der DDR haben diesen Witz schnell erweitert und behaupten, man braucht mindestens noch zwei weitere Ökonomen, um die Kuh zu melken: Einen, der ständig "auf" und "nieder" ruft, und einen, der den Papierkrieg mit den übergeordneten Instanzen erledigt.

Kabarettreif, wenn auch unfreiwillig, war auch mancher andere Diskussionsbeitrag bei den sechzehn Bezirksdelegiertenkonferenzen, die in der zweiten Maihälfte in der DDR stattfanden und den VIII. SED-Parteitag (9. bis 14. Juni) vorbereiten sollten. Vera Buder, Meisterin in den elektrophysikalischen Werken Neuruppin, setzte sich für die Ausnutzung der wertvollen Anlagen des Werkes in Schichtarbeit, ein, auch wenn sie ihre Kinder dann in die Wochenkrippe geben müsse. Denn: "Der höchste Ausdruck der Mutterliebe ist für mich, durch verantwortungsvolle Arbeit bei der Stärkung der DDR mizuhelfen, den Frieden zu sichern."

Und Ilse Achten, Verkäuferin einer HD-Kaufhalle in Halle-Neustadt, berichtete, daß es nach Auseinandersetzungen mit Parteisekretären, Gewerkschaftsfunktionären und Direktoren der Lieferbetriebe gelungen sei, einen Spruch außer Kraft zu setzen, der sich in der neuen Vorstadt von Halle einzubürgern begann: "Junge Stadt – alte Brötchen."

Seit über einem Jahr bewähre sich die Zusammenarbeit mit den Lieferanten, verkündete Ilse Achtert, aber erst seit dem 1. April erhalten alle Kaufhallen dreimal täglich frische Brötchen.