Die Schlüsse der Stücke von Franz Kroetz ließen sich leicht auf Boulevard-Zeitungs-Schlagzeilen bringen: sie münden alle in der Kriminalität jener Familien- und Heimtragödien, die das Asoziale unserer scheinbar so befriedeten Soziallandschaft offenbaren. In „Wildwechsel“, das Dortmund jetzt auf seiner Studiobühne zeigte, landen eine Dreizehnjährige und ihr neunzehnjähriger Freund vor Gericht. Sie haben gemeinsam den Vater des Mädchens umgebracht, weil er, wie es so schön heißt, ihrer Liebe im Weg stand, vor allem wohl aber, weil das Mädchen Angst davor hatte, ihr Vater könnte entdecken, daß sie schwanger ist.

Jetzt plappern die beiden. Sie: „Aus ist es. Das war keine richtige Liebe. Das war nur körperlich mit uns.“ Er: „Richtige Liebe hat uns nie verbunden, das sag’ ich auch.“ Dann fällt ihnen noch ein, daß das Kind, falls es lebend zur Welt gekommen wäre, Michael hätte heißen sollen.

„Wildwechsel“, das übrigens vor den beiden in den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Einaktern entstanden ist, die Kroetz mit einem Schlag als die wohl ausdrücklichste Begabung des jungen deutschen Dramas durchgesetzt haben, macht also wiederum eine Welt der Ohnmacht sichtbar, die in hilflose Gewalt mündet. Das Stück zeigt die Katastrophe der Alltäglichkeit, eine Wirklichkeit aus regelmäßigen Mahlzeiten und Vorurteilen, aus Alltag und Angst vor den Nachbarn, deren mühsames Gleichgewicht von jeder Belastung, von jeder Normabweichung zur Schauertragödie umgeformt wird.

Diese Welt, in der die Kraftfahrerstochter und der Hilfsarbeiter auf einmal ein „Schicksal“ haben, ist die einer bewußt gemachten Bewußtlosigkeit. Kroetz zeigt, daß die Artikulation derjenigen, die sich nicht artikulieren können, die Gewalt ist. Der Versuch der Personen, alles seinen „normalen“ Gang gehenzulassen, führt zu den abnormen Reaktionen. Im „Wildwechsel“ ist es vor allem das erschreckende Nebeneinander des Hasses und des normalen Laufs der Dinge: Die Tochter, die da ihren Vater, weil die Mutter für einen Tag weg ist, mit der erwarteten Mahlzeit versorgt, während sie ihn zum vorgesehenen Tatort bestellt; der Vater, der wie immer die Familienordnung aufrechterhält, während er davon spricht, daß man einen solchen Mann, der sich an Minderjährige ranmacht, kastrieren müßte.

Kroetz zeigt, daß dieses Nebeneinander sich gegenseitig bedingt. Sein Stück offenbart also die Anomalität des Normalen. Was, als Schlagzeile, „Dreizehnjährige und ihr Freund ermorden Vater. Sie war schwanger“ hieße, also als blutige Ausnahme weggeschoben werden kann, wird hier zur Regel, vor der das Normalleben als Ausnahme erscheint.

Die Dortmunder Aufführung (Regie: Manfred Neu) war der erste Versuch, Kroetz ohne die Bindung an den Münchner Dialekt zu spielen. Dabei hätte sich zeigen können, daß es – ähnlich wie bei Horváth – mehr auf den Sprachgestus als auf die Dialekttreue ankommt. Wenn das Stück dabei trotzdem nicht ganz zu sich selbst kommen konnte, so lag das daran, daß es der Inszenierung meiner Meinung nach nicht ganz geglückt ist, die Bewußtlosigkeit und Ohnmacht der Figuren ständig spürbar zu machen. Daß bei Kroetz das Wichtigste vom Dialog verschwiegen und im Verdecken aufgedeckt wird, daß seine Figuren nie beredter sind als in den vielen Augenblicken, da sie verstummen, wurde eigentlich nur in einer Szene ganz schlüssig, weil die Regie da den Mut zu den Pausen, zu der zögernden Schwerfälligkeit hatte, die das Stück im Gegensatz zu seiner vorgeschützten hektischen action-Bewegung bestimmten. Als die Eltern des Mädchens (Jürgen Dessau und die stilsichere Karin Mitterhauser) vor dem Schlafengehen darüber nachdenken, daß sie, damals im Krieg, keine Jugend gehabt hätten und wie man den Freund der Tochter wieder hinter Schloß und Riegel bringen könnte, da hatte die Aufführung jene erschreckende Bodenlosigkeit, jenes verstehende Mitleid, das Menschen aus ihren Bedingungen erklärt, die sie sich nicht erklären können.

Hellmuth Karasek