Ottokar Czernin, ein Vorläufer des Faschismus – Deutsch-böhmischer Aristokrat als Totengräber der Donaumonarchie

Von Claus Gatterer

Ottokar Theobald Graf Czernin von und zu Chudenitz (1872–1932) war vom Dezember 1916 bis April 1918 österreichisch-ungarischer Außenminister. In seine Amtszeit fielen die wichtigsten Ereignisse des Ersten Weltkrieges: der Beginn des uneingeschränkten deutschen U-Boot-Krieges (Februar 1917), der Kriegseintritt Amerikas (April 1917) und die beiden russischen Revolutionen (März und Oktober 1917). Er war der Unterhändler Österreich-Ungarns bei den Friedensschlüssen mit der Ukraine (Februar 1918), mit Rußland (Brest-Litowsk, März 1918) und mit Rumänien (Mai 1918). Seine Popularität verdankt er indessen fast ausschließlich der tollkühnen rhetorischen Fehde mit dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau über die berühmten "Sixtus-Briefe". Den "ganzen Czernin" darzustellen, versucht nun endlich

Ingeborg Meckling: "Die Außenpolitik des Grafen Czernin"; Schriftenreihe des Instituts für Österreichkunde; R. Oldenbourg Verlag, München 1970; 371 S., 35,– DM.

Es ist eine runde historiographische Arbeit, die komplexe Zusammenhänge entwirrt und unzulässige Simplifizierungen vermeidet; sie stützt sich auf die Akten des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes in Bonn. Nach der spektakulären "Sixtus-Affäre" – das hat Ingeborg Meckling richtig erkannt – und nach Czernins dramatischem Abgang von der politischen Bühne gab es keine österreichisch-ungarische Außenpolitik mehr; der deutschböhmische Adelige war zugleich letzter Außenminister der Doppelmonarchie und Zerstörer der Außenpolitik des Ballhausplatzes.

Der Konflikt mit Clemenceau bewirkte "den Verlust der außenpolitischen Handlungsfreiheit"; das "Abkommen von Spa" (12. Mai 1918; "Grundlage für den Deutsch-Österreichisch-Ungarischen Waffenbund"), auf das Kaiser Karl sich einlassen mußte, um Berlin nach der Entlassung Czernins zu besänftigen und der weiteren "Bundestreue" zu versichern, machte nicht nur jede eigene Friedenspolitik nach außen unmöglich, sondern auch den Ausgleich mit den slawischen Nationalitäten im Innern. Und alles zusammen hatte zur Folge, daß Briten und Amerikaner, die nach der russischen Revolution deutlich bereit gewesen waren, eine verkleinerte und innerlich demokratisierte Donaumonarchie als mitteleuropäische Ordnungsmacht zu erhalten, von Frankreich das sezessionistische Maximalprogramm der nationalen Befreiungsbewegungen übernahmen, das "Austria delenda".

Czernin wußte, als er sein Amt antrat, daß "ein jahrelanges Fortsetzen des Krieges mit mathematischer Gewißheit die völlige Niederlage der Centraimächte und ihrer Verbündeten bedeutet". Er plädierte daher in einer im Juli 1916, also noch zu Lebzeiten Kaiser Franz Josephs verfaßten Denkschrift für einen Frieden ohne Sieger und Besiegte ("Die Centraimächte verzichten auf jeder territoriale Vergrößerung. Jeder kriegführende Staat kommt selbst für seine Kriegskosten auf"). Zugleich empfahl er – als Garanten der internationalen Machtbalance nach dem Status quo ante – die Einberufung einer internationalen Abrüstungskonferenz, eine "Weltcoalition, welche jeden Staat vor ein Schiedsgericht zwingt, widrigenfalls sie sich vereint gegen ihn wendet".