Von Petra Kipphoff

Wer das Dichten will verstehen Muß ins Land der Dichtung gehen; Wer den Dichter will verstehen Muß in Dichters Lande gehen.

Als Johann Wolfgang von Goethe diese Knittelverse den Zusammenhang von Literatur und Geographie betreffend schrieb, da war eine Reise von Hamburg nach, zum Beispiel, Weimar zwar möglich, aber mit Achsenbrüchen und anderen Schicksalsschlägen mußte gerechnet werden. Heute die gleiche Reise zu machen, ist fast unmöglich, aber dafür kommt das mit den Achsen auch nicht mehr vor. Im dritten Anlauf freilich (verteilt über sechs Jahre) war es mir gelungen, die Möglichkeiten des ausgehenden 18. mit denen des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu kombinieren und unbeschadet von Hamburg nach Weimar zu fahren, um dort an der 62. Hauptversammlung der alle zwei Jahre tagenden Goethe-Gesellschaft teilzunehmen.

Ich habe zwar einmal Germanistik studiert und kenne seitdem das blaue Juno-Zimmer und das "liebe Gängen vorm Thore an der Ilm", aus dem Spargel und Verse nach Weimar für die ungnädige Charlotte von Stein herübergeschickt wurden, den Tiefurter Park, der sich in Sommernächten in eine einzige Bühne verwandeln kann, die Mineralien-Sammlung im Haus am Frauenplan und den Lehnstuhl, in dem Goethe am 22. März 1832 saß und, Dichtung oder Wahrheit, um die Mittagszeit das (Schwieger-) Töchterchen Ottilie bat, ihm doch noch einmal das liebe Patschhändchen zu reichen. Ich kannte, was man eben so kennt, und kannte es nicht, ich hatte es nie gesehen.

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Die Goethe-Gesellschaft, 85 Jahre alt und die letzte gesamtdeutsche Organisation, ist eine der größten literarischen Gesellschaften, die es international gibt. Fast 4000 Mitglieder aus 18 Ländern gehören ihr an, 200 Mitglieder waren in diesem Jahr nach Weimar gekommen; 250 Mitglieder, die kommen wollten, hatten nicht kommen können; an den Veranstaltungen dieser Tagung nahmen außer den Mitgliedern noch zahlreiche Gäste (Schüler, Lehrlinge, Touristen, Einheimische) teil.

Die Tagung war gut vorbereitet: Schon Monate im voraus wurde mir mitgeteilt, daß, für mich in Erfurt ein Doppelzimmer mit Sabine K. im Hotel "Tourist" reserviert sei.