Zunächst sollte er "Starting Out" heißen: so fängt es an. Der Titel, unter dem der letzte Film des fünfunddreißigjährigen polnischen Regisseurs Jerzy Skolimowski aber nunmehr läuft, lautet "Deep End": so endet es – und "deep" schillert hier in allen seinen Bedeutungen –, so versteckt, so rätselhaft, so intensiv und exzessiv, auch so früh.

"Ich möchte zeigen, wie Alltagsleben zu einer Tragödie führt. Wie kommt ein Fünfzehnjähriger dazu, ein Killer zu werden? Wenn man in der Zeitung liest: fünfzehnjähriger Junge tötet Zweiundzwanzigjährige, dann kennt man den psychologischen Hintergrund nie. Ich will zeigen, wie natürlich sich so etwas entwickelt..." So äußert sich Skolimowski, erfahren in Filmen über unangepaßte Jugendliche, über seine Absicht mit "Deep End". Die Natürlichkeit eines Totschlags – die Nähe zum Boulevardpressestoff ist nur scheinbar; dort nämlich würde gerade seine Unnatürlichkeit dargestellt.

Skolimowskis Film, in England und München gedreht, handelt von einem Fünfzehnjährigen, der soeben ins Berufsleben eintritt (er wird Helfer in einer öffentlichen Badeanstalt; gleich zu Anfang verheißt sein neuer Chef dem ob solcher Aussicht wenig Begeisterten, mit viel Fleiß und Gehorsam könne er es eines Tages bis auf seinen Stuhl bringen, und der im gleichen Augenblick die Liebe kennenlernt (er verliebt sich in seine rothaarige dreiundzwanzigjährige Kollegin von der Damenabteilung).

Es ist seinerseits ein Gefühl von einer Unbedingtheit, das in dieser Umgebung nur zu irgendeiner Zerstörung führen kann. Denn diese Susan (gespielt von Jane Asher, Paul McCartneys ehemaliger Freundin) ist ein unberechenbares Biest, ordinär und fragil, liebeshungrig und angewidert von der ewigen Fummelei, gemein und zärtlich, abgebrüht und kindlich naiv, mit einem Verlobten versehen, einem öden Typ, der aber Geld hat und sie immerhin heiraten wird, und einem Freund, einem älteren Angeber, einem lüsternen Sportlehrer, der von früher her hängengeblieben ist. Natürlich hat Mike bei ihr keine Chance; und noch hoffnungsloser sind seine Versuche, sie zu einem Bild der Reinheit zu machen. Wenn er in Soho vor einem Nachtklub eine Pappfigur stiehlt, Susan in Nacktpose, dann nicht, weil er wenigstens eine Pappfigur des Mädchens zu besitzen wünscht, sondern weil er die echte Susan mit ihrem Bild konfrontieren will, um vielleicht doch zu hören, sie sei es gar nicht.

Inmitten einer schäbigen, schwitzenden, voyeuristischen, geilen, verklemmten, mürrischen, vertrockneten, kommunikationslosen Umwelt, vollkommen enthalten in dem blätternden, fleckigen, kränklichen Grün des Wandanstrichs der Badeanstalt, macht er den aussichtslosen Versuch, ein Gefühl zu leben, das wie aus der Vergangenheit kommt, aber hier kommt es aus der Kindheit, macht er die paar linkischen, fordernden Gesten, bis zu dem tiefen Ende, auf das hin, wie sich zeigt, alles angelegt war – die unschuldigen Requisiten, das Schwimmbecken, der Tiefstrahler, die roten Farbtöpfe,, die man den ganzen Film über sah.

Sie hat zum erstenmal mit ihm geschlafen, auf dem Grund des leeren Beckens, und schnurstracks will sie zu ihrem Verlobten stiefeln. Während das Wasser einströmt, stößt er, der diese Beiläufigkeit nicht erträgt, ihr den Tiefstrahler nach. Und dann gibt es den polanskischen Augenblick, auf den es Skolimowski wohl ankam und um dessentwillen hauptsächlich man diesen Film nicht so leicht vergessen wird: Von dem schweren Gegenstand am Hinterkopf getroffen und vielleicht auch von einer Erkenntnis, bleibt sie stehen und wendet sich zurück zu Mike im Wasser, ganz ohne die frühere Widerspenstigkeit. Ihre nackten Körper wälzen sich in dem grünlichen Aquarium. In das blasse Grün strömt immer stärker das verlaufende Rot ihres Bluts.

Der Film ist auf den ersten Blick ganz leicht, ein Kinofilm, der keine neuen Sehgewohnheiten inauguriert oder voraussetzt, aber sicher bis ins letzte Detail komponiert und sehr musikalisch (so genau wissen wenige Regisseure mit Beat umzugehen), ohne globale Aussagen über Zeitgeist oder Jugend, aber von vertrackter Psychologie: die Nacherfindung eines Stücks Alltag in seiner zwanghaften Außerordentlichkeit, absurd und lächerlich und pathetisch in einem, das überraschend-notwendige, tiefe Ende dessen, was ein hohes Gefühl werden wollte, in einer nur zu wahr anmutenden, miesen Situation.

Dieter E. Zimmer