Ein vorbildliches Diagnose- und Behandlungszentrum

Von Katharina Zimmer

München, Güllstraße 3. Auf dem Schild am Eingang des Altbaus aus dem Anfang des Jahrhunderts liest man "Kinderzentrum der Aktion Sonnenschein". Gleich neben dem Eingang blickt der Besucher durch ein kleines Fenster in einen Kindergarten, in dem etwa zwanzig Kinder spielen. Es ist ein Montessori-Kindergarten, und was der Beobachter auf den ersten und zweiten Blick gar nicht merkt: Hier spielen oder, wie es in der Montessori-Terminologie heißt, "arbeiten" gesunde und behinderte Kinder zusammen. Auf sieben, Gesunde kommen drei Behinderte.

In dem dreistöckigen Haus, das vom Keller bis zur letzten Bodenkammer ausgenutzt ist, arbeitet ein Team von fünfzehn Ärzten, acht Psychologen, einer Diplom-Ingenieurin, einem Diplom-Physiker, neun Heilpädagoginnen und Kindergärtnerinnen, acht Physiotherapeutinnen, zwei Beschäftigungstherapeutinnen, drei EEG-Assistentinnen, vier Sprachtherapeutinnen, vier Arzthelferinnen. Die Kinder, die hierherkommen (im letzten Jahr waren es 1500, die Wartelisten sind bis zu 3000 angewachsen), die hier untersucht und behandelt werden, haben alle möglichen Arten von Behinderungen. Sie sind mehrfach behindert. Seit 1968 steht ihnen hier in einem Haus zum ersten Male alles zur Verfügung, was zur Diagnose und Behandlung ihrer vielfältigen Schädigungen notwendig ist, nämlich Fachärzte und Therapeuten ebenso wie erforderliche medizinisch-technische Einrichtungen, zum Beispiel EEG- (Elektroenzephalogramm), Röntgen-, Sehtest- und audionometrische Einrichtungen einschließlich eines Computers, der die Daten speichert und auswertet.

Dieses Zentrum, das in dieser komplexen Form in ganz Europa nicht seinesgleichen hat und als Modell über Deutschlands Grenzen hinaus bekanntgeworden ist, konnte nur gegen Widerstände ins Leben gerufen werden. Weder die medizinische Fakultät der Universität München noch die bayerische Landesregierung hielt eine solche Einrichtung für so wichtig, daß sie gewillt waren, Mittel dafür zur Verfügung zu stellen.

Daß dieses Zentrum dennoch entstehen konnte und auch weiterbestehen kann, ist der Zähigkeit eines Mannes zu verdanken: Professor Theodor Hellbrügge. Er leitet das Kinderzentrum und gleichzeitig die damit eng zusammenarbeitende Forschungsstelle für Soziale Pädiatrie in München. Da er von staatlicher Seite nicht mit Unterstützung rechnen konnte, rief er 1968 die "Aktion Sonnenschein – Hilfe für das mehrfach behinderte Kind e. V." ins Leben. Mit den Geldern aus dieser Spendenaktion konnte er das Zentrum gründen. Von der "Aktion Sorgenkind" erhielt er 30 000 Mark, von der "Stiftung für das behinderte Kind" 60 000 Mark als Starthilfe.

Mit diesem Modell ist etwas prinzipiell Neues verwirklicht worden, wobei drei wesentliche Erkenntnisse die Basis bildeten: