Von Heinz Josef Herbort

Es ist etwas dran: Rolf Liebermann, bis 1973 noch Intendant der Hamburgischen Staatsoper, verhandelt mit der französischen Regierung wegen einer eventuellen Übernahme der Intendanz der Pariser Oper. Wenn die Verantwortlichen an der Seine mit der notwendigen Konsequenz handeln, könnten gegen Ende dieses Monats die Verträge unterschrieben sein. Bis dahin müssen allerdings die Franzosen noch über einige ihrer Schatten springen.

Die Oper von Paris – das sind eigentlich zwei Institute: das Théâtre National de l’Opéra und das Théâtre National de l’Opera-Comique, das eine seit 1875 im Palais Garnier, das andere seit 1898 in der Salle Favart; das eine eher der Großen Oper gewidmet und dem Ballett, das andere jener "leichteren", durchaus nicht immer heiteren Form von "Spieloper" zwischen Offenbach und Debussy, Flotow und Strawinsky.

Die Oper von Paris – das ist aber auch Glanz und Elend einer Institution. Es gab einmal Perioden, in denen es für ein Stück sozusagen lebenswichtig war, daß und wie es in Paris herauskam, ob es beim Publikum ankam oder durchfiel. Aber spätestens unter dem spätabsolutistischen Präsidenten de Gaulle war das Théâtre National de l’Opéra kein Kunstinstitut mehr, sondern ein Tummelplatz für Verwaltungsleute und Schauplatz kompliziertester Intrigen, allenfalls zur politischen und gesellschaftlichen Repräsentanz taugend: Staatsgäste mußte man in die Opera führen können, und wenn es nur zu "Schwanensee" oder zu Gounods "Faust" war. Wer immer dort etwa eine Aufführung von Bizets "Carmen" gesehen hat, weiß, wie grauenhaft verschlampt Oper auch sein kann.

Versuche, das Institut aus der Misere wieder herauszuretten, hat es in den letzten Jahren mehrere gegeben. Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez, dem die Intendanz angeboten wurde, weiß Abenteuerliches darüber zu erzählen, was alles an Bürokratismen und künstlerischen Naivitäten jedem begegnet, der mit Reformplänen das Opernhaus und das Kulturministerium betritt. Georges Prêtre, ein Dirigent, der viel mit der Callas herumreiste, kam als Pariser Intendant nicht weit, und das größte Verdienst des derzeitigen Interims-Intendanten, des Komponisten Daniel Lesur, besteht vermutlich darin, daß während seines Interregnums das Große Haus geschlossen wurde.

Nun also scheint Rolf Liebermann das Wagnis eingehen zu wollen. Im Grunde hat er – wie schon bei der Übernahme des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg – persönlich nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Schlimmer kann es in Paris nicht mehr werden, die Rettung der Pariser Oper wäre das i-Tüpfelchen auf einer Laufbahn vom Tonmeister einer Rundfunk-Dependance über den Musikabteilungsleiter zum Intendanten. Und wie die Pläne aussehen, würde es mehr als nur eine schlichte Rettung sein: Paris könnte nach Liebermanns Vorstellungen eine Oper bekommen, hinter der alle anderen Opernhäuser der Welt zurücktreten müßten.

Rolf Liebermann würde für Paris keineswegs sein Hamburger Modell übernehmen. Seine Konzeption orientierte sich eher am System Covent Garden in London: In Paris hätte Liebermann in der Großen Oper 220 Aufführungen im Jahr zu spielen; 70 Abende würden bereits vom Ballett benötigt, die bleibenden 150 Abende wären etwa zu bieten in je 15 Vorstellungen von zehn Opern. Diese zehn Objekte wären in Weltklassebesetzungen mit dem Besten vom Besten, so, wie es sich niemand sonst leisten könnte, herauszubringen. Achtmal würden die zehn Werke in der ersten Hälfte der Saison gespielt, dann ließe man sie liegen, um sie gegen Ende der Saison dann noch einmal wieder aufzunehmen, eventuell sogar in neuer Spitzenbesetzung.