A. C., Genf, im Juni

Der Versuch Washingtons, 570 angeblich verwundete nordvietnamesische Kriegsgefangene zu repatriieren, ist mißlungen. Nur ganze dreizehn hatten sich bereiterklärt, die Reise in den Norden anzutreten. Außerdem weigerte sich Hanoi, sie zu empfangen.

Mit der Rückführung der Gefangenen wollte das Weiße Haus Nordvietnam zu einer Gegenaktion zwingen: Im Austausch sollten gefangene amerikanische Piloten freigelassen werden. Washington beauftragte daher seine Vertreter in Südvietnam, festzustellen, wie viele Gefangene die Repatriierungsbedingungen erfüllen würden, auf wie viele das Kriegsgefangenenstatut anzuwenden sei, wie viele davon verwundet sind und angeblich aus Nordvietnam stammen. So wurde eine Liste von 570 Mann zusammengestellt.

Hanoi hat bisher nie die Anwesenheit nordvietnamesischer Truppen im Süden zugegeben und seinen Soldaten anscheinend befohlen, im Falle der Gefangennahme jede Heimführung zu vermeiden. Genau das geschah dann, als die Vertreter des internationalen Roten Kreuzes entsprechend Artikel Nr. 109 der Genfer Konventionen die Gefangenen interviewten. Dieser Artikel legt fest, daß ein Kriegsgefangener gegen seinen Willen nicht heimgeschafft werden kann, solange die Feindseligkeiten andauern. Mit wenigen Ausnahmen erklärten nun die vom Roten Kreuz befragten Gefangenen, daß sie nicht nach Nordvietnam gebracht werden wollten.

Das Resultat dieser ganzen Affäre ist ein kleinlicher Propagandakrieg: Saigon macht geltend, daß die Gefangenen die Heimkehr verweigerten, weil sie sich so gut behandelt fühlen. Hanoi schlägt zurück und behauptet, daß die Gefangenen entweder gewaltsam daran gehindert wurden, nach dem Norden zurückzukehren oder gar nicht aus Nordvietnam stammen.

Der Zwischenfall gibt all jenen recht, die schon immer der Ansicht waren, das Problem der amerikanischen Kriegsgefangenen in Nordvietnam sei nur im Rahmen einer politischen Gesamtregelung für Vietnam lösbar.