Von Marcel Reich-Ranicki

Robert Minder, der Elsässer, der seit Jahrzehnten in Paris lebt und lehrt, den man in Frankreich längst schätzt und in der Bundesrepublik seit einiger Zeit rühmt und weiterhin rühmen sollte, ist vom Geschlecht jener Literaten, die Wissenschaftler werden und doch Literaten bleiben.

Er ist ein Aufklärer mit dem Temperament eines Artisten, ein Gelehrter mit Grandezza und mit leisem Humor, ein listiger Rhetoriker ohne Prunk und ohne Selbstgefälligkeit, ein amüsant predigender Causeur, ein für seine Gegner gefährlicher Polemiker, der auch vernichtende Schläge anmutig und elegant zu versetzen weiß. Ein Germanist ist er. Trotzdem fehlt es ihm nicht an Charme. Zu den Eiferern gehört er. Dennoch hat er meist recht.

Natürlich ist Minder auch ein Skeptiker. Aber er geniert sich nicht zuzugeben, daß er an "etwas Unverwundbares" im Menschen glaube, wobei er den Akzent auf "etwas" legt. Er ist nach wie vor von der weltlichen Nützlichkeit der Literatur überzeugt, ja, er zögert nicht, sogar von ihrer Unzerstörbarkeit zu sprechen. Wie alle Kritiker ist er ein Mann des Prinzips Hoffnung und überdies ein Verliebter; nur daß ihn die Liebe zur Literatur nicht blendet. Und wie alle Historiker ist auch Minder "ein rückwärts gekehrter Prophet" (Friedrich Schlegel), zornig und fröhlich, weise und kurzweilig zugleich.

Die Literaturgeschichte erscheint ihm als "ein Riesenmärchenteppich, bunt, verworren". Jedoch: "Irgendein Sinn steckt hinter dem Ganzen. Man müßte ihn besser heraushören können." Das ist Minders Kredo und fast sein Programm. Er versuche– sagt er an derselben Stelle, im Nachwort zu seinem Buch "Kultur und Literatur in Deutschland und Frankreich" (1962) – "wie alte Landärzte es tun, wieder einmal das Ganze in den Griff zu bekommen, sei es auf noch so unvollkommene Weise."

Angedeutet ist hiermit eben jene Eigentümlichkeit, die Minders Literaturbetrachtung so bemerkenswert und so anregend macht. Daß er alles Verschwommene und Dunkle verabscheut, daß er die Vernunft und die Klarheit geradezu leidenschaftlich liebt und daß er die deutsche Innerlichkeit mitten ins Herz trifft, ist höchst verdienstvoll und dankenswert. Nur kann man ähnliches anderen gleichfalls nachrühmen.

Aber diesem Literaturhistoriker geht es tatsächlich und bei jeder Gelegenheit um das, was er mit der auch von Goethe gern verwendeten Vokabel das Ganze nennt. Und weil das im selben Maße für Minders Gegenstände wie für seinen Blickwinkel gilt, ist er in jeder seiner Arbeiten (ungeachtet der Qualitätsschwankungen) ganz zu finden. Wo immer er ansetzt, er landet doch bei jener fundamentalen Frage, die heute aktueller denn je scheint und die in seiner neuen Sammlung schon als Titel auftaucht –