Am gleichen Tag, an dem Martin Gregor-Dellins Bedenken gegen den Weg des Schriftstellerverbands (VS) in die Gewerkschaft an allen Kiosken zu kaufen waren (ZEIT Nr. 22), hat er sie auch vorgetragen auf der Jahresversammlung des VS in Bayern, jenes Regionalverbandes, dem ein Fünftel aller VS-Mitglieder angehören, der also für jede Entscheidung der Gewerkschaftsfrage mehr als das Zünglein, nämlich die dicke Zunge an der Waage ist.

Doch merkwürdig, und gerade die Anhänger einer Gewerkschaftslösung hat das überrascht: Gregor-Dellins Thesen wurden nur schwach und wenn, dann wenig präzise artikuliert unterstützt. Noch merkwürdiger: über die Details seiner Argumentation wurde fast die ganze Diskussion lang hoch hinweggeredet. Sind diese Details denn nicht hörenswert? Oder, und genau das ist mein Verdacht, oder hat man diesem Sorgenkatalog etwa doch angemerkt, daß er zwar warnt, doch ohne Rückendeckung, daß hinter ihm also keinerlei Alternative sichtbar wird?

Nun gut, das wissen wir: Wer irgendwelche Eier faul nennt, muß nicht unbedingt selbst frische Eier legen können und kann trotzdem recht haben. Also spricht nicht schon gegen Gregor-Dellins Kritik am Gewerkschaftspapier des VS-Bundesvorstands, daß er eine deutliche Organisations-Alternative nicht formulieren kann oder will. Aber mißtrauisch hat auch mich gemacht, wie blind entschlossen da von denkbar verschiedenen Gegenpositionen aus argumentiert wird. Wenn Gregor-Dellin behauptet, Gewerkschaft mache unmündig, sie koste den Schriftsteller die individuelle Gewissensfreiheit, so ist das doch in standesbewußte Altdichterohren gesagt. Wenn aber gleich warnend angedeutet wird, die Gewerkschaften, längst selber Unternehmer, verhinderten ja geradezu Sozialismus, so wirbt das ebenso dringend um Mißtrauen von links.

Was, bitte, soll nun ernst genommen werden, auf welcher dieser Barrikaden steht Gregor-Dellin? Falls er überhaupt steht; denn mir kommt sein ganzer Text vor wie eine Verteidigungsrede auf dem Rückzug, alle nur möglichen Argumente, egal welcher Provenienz, noch einmal zusammenraffend, mit Energie und Geschick, aber ohne viel Überzeugung. Ich glaube nämlich und hoffe sogar, auch Gregor-Dellin weiß, daß auf längere Sicht für den VS das listig prüde Lavieren mit "In der Gewerkschaft, nein – Mit der Gewerkschaft, ja" keine Lösung sein kann.

Trotzdem, das Unbehagen an einer Gewerkschaftslösung ist keineswegs Gregor-Dellins Privatbesitz. Es steht öffentlich zur Diskussion. Nur hat dieses Unbehagen, scheint mir, das Gewerkschaftspapier des VS nicht gerade gründlich gelesen.

Richtig ist vor allem nicht, daß der VS in einer Gewerkschaft seine Selbstbestimmung und Selbstverwaltung abtreten würde an irgendwelche unerreichbar fernen Gewerkschaftsvorstände. Vorgesehen ist vielmehr, daß alle aktiven Fach- und Landesgruppen weiter direkt für ihre Mitglieder arbeiten können (wie und mit welcher Finanzierung, wird in dem Papier ausführlich erläutert) und daß selbstverständlich der Bundesschriftstellerkongreß weiterhin unabhängig beschließt und entscheidet. Wer nur einmal nachliest, was die auch der IG Druck und Papier schon angegliederte Deutsche Journalisten-Union (dju) auf einer einzigen Bundeskonferenz an Beschlüssen verabschiedet, der kann deren Zahl und Energie nur beneiden, der wird freilich auch einsehen, daß nur ein ungleich größerer und kräftigerer Apparat als der des gegenwärtigen VS so viele Handlungsaufträge überhaupt verarbeiten und durchsetzen kann.

Richtig ist auch nicht, daß alle VS-Resolutionen erst mit dem Hauptvorstand einer Gewerkschaft abgestimmt werden müßten, denn es heißt in unserem Papier ganz klipp und klar: "Soweit sie nicht eindeutig Schriftstellerinteressen betreffen." Daß manche unserer Kollegen gern jede Woche einen Protesttext an dpa geben würden, daß sich Provokationen dazu auch wöchentlich finden lassen, ist bekannt, aber auch, daß schon der gegenwärtige Bundesvorstand des VS versucht hat, diese Inflation gutgemeinter, aber kaum noch effektiver Gewissensausbrüche zu bremsen und sich auf öffentliche Appelle zu beschränken, "die eindeutig Schriftstellerinteressen betreffen". Genau das könnte er also auch in einer Gewerkschaft. Er könnte dann aber auch versuchen, für weitergehende politische Stellungnahmen die Unterstützung einer Organisation zu finden, die wie etwa die IG Druck und Papier für 150 000 Mitglieder statt nur für einige tausend Autorenköpfe spricht. Es wird für solche Resolutionen kaum ein Nachteil sein, wenn sie dann nicht mehr als Stimmkraftakte einiger "Pinscher" vom Tische zu fegen sind.