Nach der Aufgabe der auf Natur-Uran aufgebauten Kernenergie-Erzeugung und nach dem Zusammenbruch der Ölpolitik in Algerien ist nun ein weiteres Prestigeobjekt de Gaullescher Wirtschaftspolitik bedroht: das französische Farbfernsehsystem Secam. Frankreichs größter Elektrokonzern Thomson-Brandt, dessen Tochtergesellschaft die französischen Gitterröhren (tube à grille) herstellte, wird jetzt die amerikanischen shadowmask-Röhren produzieren, 600 000 pro Jahr.

Mit dem US-Konzern RCA will Thomson-Brandt für 150 Millionen Francs eine Fabrik errichten, die die amerikanischen Röhren in Serie herstellen soll. In der neuen Gesellschaft, Videocolor, wird zwar Thomson-Brandt die Aktienmajorität haben, doch die entscheidende finanzielle und technologische Unterstützung liegt bei RCA.

Die Zukunft der Gitterröhren ist somit nicht gerade gesichert. Ein französischer Fernsehfachmann: "Per Kasse geben wir die Herstellung unserer Röhren auf, per Termin ist aber das ganze Secam-System in Frage gestellt."

Die Schwierigkeiten der französischen Fernsehindustrie werden noch durch die Übernahme der drittgrößten französischen Gesellschaft, Schneider-Radio-Television, durch den internationalen Philips-Konzern unterstrichen. Radiotechnique, die französische Tochter von Philips, war bisher schon an Schneider mit 30 Prozent beteiligt. Diese Transaktion wird als Gegenzug von Philips auf den Vorstoß der RCA gesehen.

Grund für die Schwierigkeiten der heimischen Industrie: Der französische Markt ist zu klein für die Massenproduktion. 1970 wurden in Frankreich 1,3 Millionen Schwarz-Weiß- und 210 000 Farbfernsehapparate verkauft. Die französische Planungskommission sieht für 1975, dem Endjahr des letzten Entwicklungsplanes, eine Produktion von 1,9 Millionen Fernsehapparaten vor, davon 900 000 Farbfernsehgeräte. Um den Markt zu beleben, hat die französische Regierung kürzlich die Mehrwertsteuer für Farbfernsehgeräte von 33 auf 23 Prozent ermäßigt, was den Händlern eine achtprozentige Senkung der Verkaufspreise ermöglichte.

Auch die Hoffnung, daß Auslandsverkäufe die Flaute auf dem französischen Inlandsmarkt wettmachen würden, hat sich nicht erfüllt. Im Wettkampf mit dem vom westdeutschen Konzern AEG-Telefunken entwickelten PAL-System hat das französische Secam-Verfahren offensichtlich den kürzeren gezogen.

Da fast alle westeuropäischen Staaten zum PAL-System übergingen, blieben die kommunistischen Länder Osteuropas die große Hoffnung der Franzosen. Die Annahme des Secam-Verfahrens durch die Sowjetunion war einer der großen Erfolge der de Gaulleschen Rußlandpolitik. Dieses Abkommen blieb jedoch im wesentlichen auf dem Papier, was nicht ausschließlich Schuld der Russen ist.