Wer hilft der Sowjetunion beim Ausbau ihrer Lastkraftwagenindustrie? fragte Die Welt im Februar 1970, nachdem die Sowjetregierung das Großbauvorhaben der Lkw-Fabrik an der Kama zum Vorrangobjekt erhoben hatte.

Das Objekt: An der Kama, einem Wolga-Nebenfluß, soll in Nabereschnije Tschelny für rund drei Milliarden Mark ein Lkw-Werk errichtet werden, das ab 1975 zunächst jährlich 150 000 und in der Endstufe 350 000 Lastkraftwagen und rund 250 000 Motoren produzieren soll.

Hilfe, das war den Sowjets klar, konnte nur aus dem Westen kommen. Denn die Technik der westlichen Kraftwagen ist der sowjetischen um einiges voraus, und die Moskauer Planer haben es eilig: Bis 1975 soll das Riesenkombinat an der Kama stehen und die Sowjetunion zum größten Lkw-Hersteller der Welt machen. Mit jährlich 550 000 Lastkraftwagen steht die UdSSR heute erst auf dem dritten Platz hinter USA und Japan.

Und in eigener Regie – – so fürchten die Sowjets – müßten sie nicht nur sämtliche Fachkräfte von anderen Baustellen heranziehen, sondern die Bauzeit würde sich auch um mehr als fünf Jahre verlängern.

Seither suchen sie einen Regisseur für das Kama-Projekt. Sowjetische Unterhändler fragten an bei Ford in USA, bei japanischen Lkw-Produzenten, bei Renault in Frankreich, Fiat in Italien, British Leyland in England und Daimler-Benz in Stuttgart. Und dann gaben sie im März dieses Jahres das überraschende Ergebnis ihrer monatelangen Verhandlungen bekannt: "Wir bauen selbst."

Gut zwei Monate später hatten sich die Sowjets die Sache anscheinend doch anders überlegt. Nach einem Paris-Besuch des sowjetischen Außenhandelsministers Nikolas Patolitschew verkündete der französische Wirtschafts- und Finanzminister Valery Giscard d’Estaing stolz über die Wellen von Radio Europa I: "Renault wird die Gesamtkonzeption des sowjetischen Lkw-Werkes an der Kama entwickeln. und mit der technischen Oberleitung auch die Führung eines weltweiten Firmenkonsortiums übernehmen."

Der Minister war indes der Entwicklung um einiges voraus. Flugs spielte das Staatsunternehmen Renault die Sache herunter: Das Unternehmen habe keinen Vertrag vorliegen und auch nicht unterschrieben. Auch Patolitschew hatte lediglich erklärt, Renault sei offiziell das Ausschreibungsprojekt übergeben worden. Es handele sich um eine "vorbereitende Studie zur Verwirklichung des Industriekomplexes".