Wer noch vor dem Pfingstfest in Erwartung einer Diskontsatzsenkung spekulativ in deutsche Aktien eingestiegen war, wurde durch die Bundesbank arg enttäuscht. Denn mit der Erhöhung der Mindestreserven (dem Bankapparat werden rund fünf Milliarden Mark entzogen und zinslos stillgelegt) und mit Dollarverkäufen, die den Kurs für die US-Währung stark nach unten führten, gaben die Währungshüter in Frankfurt ein klares Signal für die Fortführung der restriktiven Kreditpolitik zur Bremsung des Lohn- und Kostenauftriebs. Ein größerer Aufwertungseffekt und Devisenabflüsse werden als belastende Momente für die Börse betrachtet.

Aus dieser Einsicht stellt der Berufshandel seine Positionen rasch wieder glatt, die er in Erwartung weiterer Anschaffungen institutioneller Anleger und in der Hoffnung auf Anschlußorders der privaten Bankenkundschaft kurzfristig aufgebaut hatte. Der Abgabedruck resultierte zeitweise aber auch aus den Verkäufen deutscher Standardwerte für französische und Schweizer Rechnung. Die kalte Dusche für den Berufshandel war indes nur von kurzer Dauer. Institutionelle Anleger kamen mit kleineren Orders an den Markt, die angesichts der geringen Umsätze eine gute Marktstütze waren.

Sie disponierten langfristig und glaubten, daß die negativen Konjunktur- und Ertragserwartungen in den Kursen weitgehend eskomptiert seien, das Risiko größerer Kursverluste also gering sei. Großanleger rechnen damit, daß bei einer sich abzeichnenden Tendenzwende am Aktienmarkt Material nur noch zu stark steigenden Kursen zu erwarten sein wird. Vorsichtige Engagements scheinen ihnen deshalb schon jetzt angebracht. Vorerst erwarten sie jedoch keinen nachhaltigen Kursaufschwung, zumindest so lange nicht, wie die Unsicherheit über die Konjunktur- und Ertragsentwicklung bei den Unternehmen anhält. Aus diesen Gründen ist auch das Interesse der Privatkundschaft an Neuengagements gering.

Mit der Zurückhaltung der privaten Anleger muß weiter gerechnet werden. Der Handel mit Bezugsrechten aus der Kapitalerhöhung der Deutschen Bank startete entgegen manchen Erwartungen nicht günstig. Die Kunden orderten schleppend. Altaktien und Bezugsrechtpreise gerieten ebenfalls unter Abgabedruck.

Gespannt ist die Börse auf den Bezugsrechtshandel bei Mannesmann. Da der Wert des Bezugsrechts entsprechend der rechnerischen Parität noch unter zwei Mark liegt, dürfte die Spekulation sehr wohl ein lukratives Betätigungsfeld sehen.

Neben den ehemaligen Bergbauaktien Hamborn und Harpener, die auf Grund der angeblich hohen Substanz und – allerdings schon dementierter – Abfindungsgerüchte trotz schwächerer allgemeiner Tendenz weiter anzogen, traten Werftaktien stärker in den Vordergrund. Flensburger Schiffbau kündigt neben zehn Mark Dividende einen Bonus von 20 Mark und eine Kapitalaufstockung an. Deutsche Werft und Bremer Vulkan zogen daraufhin ebenfalls kräftig an, nicht zuletzt deshalb, weil Gerüchte über eine Abfindung der früheren Aktionäre wieder aufflammten.

Eine neue Spekulationswelle hat schließlich auch die Audi-NSU-Genußscheine wieder erfaßt, als sich die Erwartungen über einen baldigen Lizenzabschluß mit Ford verdichteten und Kauforders aus der Schweiz beobachtet wurden. Kurssprünge gibt es ferner bei zahlreichen marktengen Nebenwerten. Allerdings geht es hier häufig um "Eintagsfliegen", und bei geringen Umsätzen kommen die Kursveränderungen oft zufallsbedingt zustande. -t