Auch in seinem jüngsten Sondergutachten ist sich der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nicht über Maßnahmen zur Stabilisierung der Konjunktur einig. Entgegen der mehrheitlichen Meinung der "fünf Weisen". lehnt Professor Claus Köhler Wechselkursänderungen und verspätete binnenwirtschaftliche Bremsmaßnahmen ab.

Sie halten der Bundesregierung vor, daß sie mit ihrer außen- und binnenwirtschaftlichen Dämpfungspolitik auf Rezessionskurs steuert. Werden wir in eine neue Talsohle der Konjunktur geraten?

Köhler: Gegenwärtig bleibt die Zunahme der Gesamtnachfrage hinter den A’ngebotsmöglichkeiten zurück. In einer solchen Situation noch zusätzlich zu bremsen, kann die Fahrt in eine neue Talsohle auslösen. Neue Fehlentwicklungen sind nur zu vermeiden, wenn die Gesamtnachfrage den Angebotsmöglichkeiten angepaßt wird. Nur unter dieser Bedingung können gleichzeitig Preis-Stabilität, Vollbeschäftigung und ein angemessenes Wachstum verwirklicht werden.

Halten Sie es für möglich, daß die Beschränkung der öffentlichen Nachfrage (etwa im ohnedies nicht ausgelasteten Tiefbau) zu einer langwierigen Strukturkrise führt, die auch durch spätere Belebungsmaßnahmen nur schwer zu beheben wäre?

Köhler: Wenn man öffentliche Ausgaben nicht nur während eines Nachfragebooms drosselt, sondern auch in der Phase gedämpfter Nachfrage – weil da noch die Preise steigen –, dann kann man den zunehmenden Anforderungen an die öffentliche Hand nicht befriedigend entsprechen. Wird auf diese Weise über mehrere Konjunkturzyklen verfahren, dann steht am Ende eine Strukturkrise. Es dürfte leichter sein, durch eine Antizyklenstrategie die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Entwicklung öffentlicher Ausgaben zu schaffen als eine Strukturkrise zu beheben.

In Ihrer Kritik an der derzeitigen Konjunkturpolitik sagen Sie, der Preisanstieg sei kein brauchbarer Maßstab für wirtschaftliche Eingriffe. Ist das – bei der besonderen politischen Bedeutung steigender Preise in der Bundesrepublik – nicht sehr akademisch gedacht?

Kölner: Wegen der besonderen politischen Bedeutung steigender Preise in diesem Lande wäre es besonders wichtig, wirtschaftspolitisch zu handeln, wenn die Preisstabilität infolge einer zu starken Nachfrageexpansion gefährdet ist, und nicht erst, wenn die Preise schon steigen. Es geht darum, die Ursachen von Preissteigerungen . zu bekämpfen, unddas sollte heute nicht nur ein akademisches Problem sein. Wird wirtschaftspolitisch erst gehandelt, wenn die Fehlentwicklung schon da ist, dann fallen die Maßnahmen bei schon wieder abgeschwächter Nachfrageexpansion oft zu kräftig aus, und die wirtschaftliche Entwicklung kann übersteuert werden.