Von Jürgen Werner

Was Emile Zola mit seinem Werk "J’accuse" für die französische Justiz, bedeutet Gregorio Canellas, Präsident des Bundesligavereins Offenbacher Kickers, mit seiner Pressekonferenz für den Profifußball der Bundesliga. Beide traten vor die Öffentlichkeit, um Manipulationen aufzudecken, die für Menschen und Vereine existentielle Fragen aufwarfen.

Die Berichte und Meldungen der achten Bundesligasaison lesen sich wie eine Chronique scandaleuse, deren Hauptakteure – um im Bild zu bleiben – sich exhibitionistisch prostituierten. Im bunten Reigen stellten sich Spieler, Trainer und Funktionäre bloß. Gerd Müller – sicherlich ein Mann mit Instinkt für Tore – drohte, sich der Fußballnationalmannschaft zu versagen, falls der Deutsche Fußballbund (DFB) seine achtwöchige Sperre wegen eines Faustschlages in einem Spiel in Peru nicht aufhöbe: Müller ist schließlich für alle da. Sein späteres Dementi, er habe impulsiv reagiert und es nicht so gemeint, rehabilitiert ihn nicht.

Hennes Weisweiler, der clevere Trainer des alten und neuen Deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach – ein Novum in der Geschichte der Bundesliga–präjudizierte sich ebenfalls. Nachdem das Sportgericht des DFB in zwei Instanzen den Abzug von zwei Punkten wegen eines Torpfostenbruches im Spiel gegen Werder Bremen bestätigt hatte – das Urteil war sowohl formaljuristisch einwandfrei als auch nach Kriterien der Fairneß und Sportlichkeit vertretbar –, kündigte er an, sein Verein werde die Annahme der Meisterschaftstrophäe, eine Schale, verweigern. Er revozierte und verwies im Fernsehinterview auf seine "wohl verständliche" Erregung. Ein Mann wie er – ehemals Dozent für Fußball an der Sporthochschule in Köln und damit Erzieher und Interpret sportlicher Prinzipien – hätte das si tacuisses beherzigen sollen statt den Ärger auf offenem Markt zu äußern.

Helmut Bracht, verantwortlich für die Mannschaft Borussia Dortmunds, benutzte gar Kriminaljargon, um seine Rechtsposition zu skizzieren. Er werde auspacken, um Willi Neuberger, Nationalspieler Dortmunds, zur Räson zu bringen. Außerdem sei Siegfried Held "geopfert" worden. Mit den beiden Äußerungen war gemeint, daß Neuberger nicht zu Werder wechseln sollte, Held dagegen der Transfer zu den Offenbacher Kickers für die Ablösesumme von 175 000 Mark gestattet werde, um für Neuberger solvent zu sein.

Der oben schon erwähnte Gregorio Canellas endlich spielte Tonbänder ab, aus deren aufgenommenen Gesprächen zwischen ihm und dem Spieler Patzke von Hertha BSC Berlin hervorgehen sollte, daß der Abstieg aus der Bundesliga manipuliert worden sei. Bielefeld, ein potentieller Absteiger, gewann in Berlin gegen eine Mannschaft, die während der gesamten Saison dort kein Heimspiel verloren hatte. Anonyme Telephonanrufe schon vor dem Spiel bei dem Trainer des Berliner Vereins, Helmut Kronsbein, mit der Offerte, je 30 000 Mark an Spieler und Trainer zu verteilen, koordinierten Prestige und Profit.

Bürgermeister Otto Barche aus Hannover brachte diese Relation auf eine einfache Formel: "Wenn Hannover 96 einmal aus der Bundesliga absteigen sollte und damit das Niedersachsenstadion nicht mehr voll ausgelastet wäre, spräche von Hannover kein Mensch mehr." Er bezog sich mit dieser Äußerung auf einen von der Stadt dem Verein gewährten "verlorenen" Zuschuß in Höhe von 800 000 Mark und eine von ihr übernommene Bürgschaft in Höhe von 350 000 Mark. Die Höhe der Schulden von Hannover 96 wird mit etwa 1,8 Millionen Mark beziffert. Die Gesamtschuldenlast der Bundesligavereine beläuft sich inzwischen auf etwa 15 Millionen Mark.